Die Geschichte des Lindenhofs im Meerbuscher Stadtteil Büderich reicht rund 700 Jahre zurück. Was einst als kleines Gehöft begann, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem gewachsenen Vierkanthof, in dem sich Landwirtschaft, Gastronomie und unterschiedliche dörfliche Nutzungen überlagerten. Besonders im 19. Jahrhundert nahm die Entwicklung des Ensembles Fahrt auf. Die heute denkmalgeschützten, U-förmig angeordneten Gebäudeteile stammen überwiegend aus dem Jahr 1861 und wurden 1930 um einen weiteren Baukörper ergänzt. Prägend für das Ortsbild ist insbesondere die an der Dorfstraße gelegene Gaststätte, die bis heute die älteste bestehende Gastronomie Büderichs darstellt und den historischen Dorfkern räumlich abschließt.
Aus Geschichte wird Zuhause
Lageplan des Gesamtensembles: Die historische Hofanlage wird durch neue Holzbauten ergänzt und als vielfältiges Wohnensemble mit gemeinschaftlichem Innenhof weiterentwickelt. © caspar.
Mit der Revitalisierung des Lindenhofs wurde dieses bedeutende Ensemble nun mit viel Holzbau behutsam in die Gegenwart geführt. Nach Kriegsschäden waren Teile der ehemaligen Stallungen und Wirtschaftsgebäude lediglich provisorisch wieder aufgebaut worden. Diese Bereiche sowie die Tordurchfahrt an der Westseite konnten neu gedacht werden. Ziel war es, die historische Hofanlage zu erhalten, ihre Qualitäten zu stärken und gleichzeitig zeitgemäße Wohnformen zu schaffen.
Verantwortlich für die Planung zeichnet das Kölner Architekturbüro caspar. unter der Leitung von Caspar Schmitz-Morkramer. Zwischen 2021 und 2025 entstand für die Bauherrschaft C&C Lindenhof ein tolles Projekt, das den denkmalgeschützten Bestand respektvoll weiterentwickelt und zugleich neue Perspektiven für nachhaltiges Wohnen eröffnet. „Weiterbauen heißt für uns, Verantwortung zu übernehmen – für die Geschichte eines Ortes ebenso wie für die Ressourcen kommender Generationen“, beschreibt Caspar Schmitz-Morkramer den grundlegenden Ansatz des Projekts.
Altes und Neues stimmig vereint
Auf dem vergleichsweise kleinen Grundstück von 1539 m2 wurde Altes und Neues zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt. Die denkmalgeschützten Bestandsgebäude wurden umfassend saniert, energetisch ertüchtigt und dort ergänzt, wo dies funktional oder konstruktiv erforderlich war. Innerhalb des historischen Bestands entstanden elf individuelle Wohnungen unterschiedlicher Größe und Typologie. Sie reichen von kompakten Einheiten bis hin zu mehrgeschoßigen Wohnformen mit Dachterrassen oder privaten Freibereichen im Hof. Jede Wohnung reagiert auf die Besonderheiten des Bestands und nutzt dessen räumliche Qualitäten.
Die historische Gastronomie bleibt weiterhin ein wichtiger Anker des Ensembles. Zur Dorfstraße hin schafft ein kleiner Vorbereich unter einer neu gepflanzten Linde Raum für Außengastronomie und stärkt die Verbindung zwischen Hof und Nachbarschaft. Gleichzeitig wurde der Vierkanthof durch neue Baukörper ergänzt, die den Hof räumlich schließen und eine klare Adresse für das neue Wohnquartier bilden.
Konsequent in Holz
Der Innenhof bildet das soziale Zentrum des Lindenhofs und schafft Raum für Begegnung. © caspar./Patricia Parinejad
Besonderes Augenmerk lag auf der Gestaltung des gemeinschaftlichen Innenhofs. Das historische Kopfsteinpflaster wurde erhalten, neu verlegt und mit großzügigen Grünflächen kombiniert. Unter einer neu gepflanzten Linde entstand ein zentraler Treffpunkt für die Bewohner. Ergänzt wird dieser Bereich durch einen kleinen Sandspielplatz. Die Erschließung sämtlicher Wohnungen erfolgt über den Hof, wodurch alltägliche Begegnungen gefördert werden, ohne die Privatsphäre einzuschränken. Geschickt platzierte Pflanzungen schaffen Rückzugsorte und individuelle Freiräume. Fahrradabstellräume sowie die Zufahrt zur Tiefgarage mit Pkw-Aufzug befinden sich am Friedhofsweg. Auch Lastenfahrräder finden dort ausreichend Platz. Ein wesentliches Merkmal des Projekts ist die konsequente Verwendung des Baustoffs Holz. Während die historische Bausubstanz sorgfältig restauriert wurde, entstanden die Neubauten als eigenständige Holzbauten. Dadurch bleibt die Entwicklungsgeschichte des Ortes nachvollziehbar und wird gleichzeitig um eine zeitgemäße architektonische Schicht ergänzt. „Die Qualität des Projekts liegt für uns nicht im Kontrast zwischen Alt und Neu, sondern in ihrem selbstverständlichen Miteinander“, erläutert Schmitz-Morkramer.
Hohe Vorfertigung auf der Baustelle
Hochgedämmte Außenwände und Dachelemente mit U-Werten von 0,12 W/(m2K) tragen zur hohen Energieeffizienz des Ensembles bei. © caspar./Patricia Parinejad
Die Neubauten sowie die Erweiterungen des Bestands wurden in Massivholzbauweise ausgeführt. Tragende Wände, Decken und Dachkonstruktionen bestehen aus Brettsperrholz und bilden ein durchgängiges Konstruktionssystem. Insgesamt wurden rund 200 m3 Brettsperrholz verbaut. Die hohe Vorfertigung der Bauteile ermöglichte eine effiziente und ressourcenschonende Montage auf der Baustelle. Sichtbar belassene Holzoberflächen prägen die Innenräume und verleihen ihnen eine warme, natürliche Atmosphäre. Für die Holzbauarbeiten war Holzbau Söte aus Meerbusch verantwortlich, das eingesetzte Brettsperrholz stammt von der Pfeifer Group. Ergänzt wurde die Konstruktion durch Holzrahmenbau-Elemente mit Holzfaserdämmung von Steico sowie Zellulosedämmung von Isocell. Die Neubauten erhielten Fassaden aus vorvergrauter Weißtanne, die sich selbstverständlich in das historische Umfeld einfügen. „Mit dem Lindenhof wollten wir zeigen, dass anspruchsvoller Holzbau auch dort funktioniert, wo die Anforderungen besonders hoch sind: im direkten Dialog mit dem Denkmal“, sagt Schmitz-Morkramer.
Durch und durch nachhaltig
Nachhaltigkeit prägte das Projekt in allen Phasen. Bestehende Bausubstanz wurde erhalten und weitergebaut, um Ressourcen zu schonen und zusätzliche Flächenversiegelung zu vermeiden. Alle verbauten Materialien wurden im Materialkataster Madaster dokumentiert und für eine spätere Wiederverwendung erfasst. PEFC- und FSC-zertifizierte Baustoffe sowie eine DGNB-konforme Planung unterstreichen den ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatz.
Mit einer Bruttogrundfläche von 2532 m2 verbindet der Lindenhof heute historische Identität, zeitgemäße Architektur und nachhaltige Baukultur. Das Projekt zeigt beispielhaft, wie denkmalgeschützte Bausubstanz und moderner Holzbau nicht als Gegensätze verstanden werden müssen, sondern gemeinsam neue Lebensräume schaffen können. So ist aus einem traditionsreichen Hofensemble ein lebendiges Wohnquartier entstanden, das Verantwortung für die Zukunft übernimmt.
Quelle: caspar.
Ein weiteres Projekt der Architekten – MACO 1927 – wird von 7. bis 8. Oktober beim Forum EHB in Köln vorgestellt.