Wolfgang Gruber ist Co-Geschäftsführer und Gründungsmitglied von Loci, einem „Kollektiv für ganzheitlich klimagerechte, zeitlose Architektur, das neue Möglichkeiten und Lösungen findet. Wir arbeiten an Orten, die entstehen, wenn man mit Landschaft, Klima, Kultur, Natur, Funktion, Gesellschaft, Geschichte, Geist und Charakter eines Ortes baut“, steht auf der Website. Ein solcher Ort ist auch das Elternhaus von Gruber. Denn aus dem ehemaligen Einfamilienhaus in Bad Dürrnberg wurde durch Einbindung von regionalen Materialien und Baukultur sowie Gesellschaft ein Mehrgenerationenhaus, das heute von mehreren Familienmitgliedern Grubers bewohnt wird.
Neben Gruber und seiner Familie war auch Stefano Mori, seinerseits Architekt und Lehmbauexperte, maßgeblich an der Planung und Umsetzung des Projekts beteiligt. Der gebürtige Italiener erlernte das Handwerk bei den Lehmbaukoryphäen Martin Rauch und Anna Heringer. „Stefano und ich kennen uns über das Material“, erzählt Gruber. Er ist im Dorf aufgewachsen, etwa 12 km von Salzburg entfernt. „Hier wurde traditionell Salz abgebaut. Um die Salzstöcke herum legt sich lehmhaltiges Gestein – und mit diesem Material zu bauen, wollte ich immer schon ausprobieren“, so der Architekt.
Klares Konzept, herausfordernder Bestand
Die Architekten tüftelten über den gesamten Projektverlauf hinweg sowohl an den eingesetzten Techniken als auch an Details. © Stefano Mori
Schnell hatten die Architekten ein klares Konzept für die Aufstockung, die als Strohballenbau ausgeführt werden sollte. Die Herausforderung war der Bestand mit eingehängter Ziegeldecke aus 1987. Dieser wurde mit einem Betonankerring und teilweise Stahlelementen ertüchtigt und darauf dann der Holzständerbau aufgesetzt. Die eineinhalbgeschoßige Aufstockung gestaltet sich vollkommen konträr zum Bestand: Während Keller- und Erdgeschoß einen eher verwinkelten Grundriss aufweisen, besticht die Aufstockung mit einem klaren Raster, Struktur und dem Spiel zwischen Rückzugsorten und offenen Räumen.
„Die Aufstockung ist unsere Interpretation eines Fachwerkhauses. Es war schwierig, den richtigen Raster zu finden und mit dem Bestand abzustimmen. Die beiden Obergeschoße verfügen jetzt über sehr flexible Grundrisse. Im Norden und Süden befinden sich offene Bereiche, im ersten Obergeschoß liegen dazwischen drei Zimmer und ein Bad. Darüber liegt das Galeriegeschoß mit einem offenen und einem privaten Bereich. In jedem zweiten Feld des Rasters liegt ein Fenster, das macht die Struktur innen wie außen sichtbar“, erläutern Mori und Gruber.
Experimentierfeld Lehmbau
Um Erfahrung mit dem örtlich vorhandenen Material zu sammeln, begannen die Architekten das Projekt mit dem händischen Bau eines Stampflehmofens, bei dem sie das Material selbst mischten und stampften. Weitere Expertise zum Thema Stroh- bzw. Lehmbau holte man sich in insgesamt drei Workshops mit dem italienischen Unternehmen Terra E Paglia und baute anschließend eine „Lehmküche“ im Elternhaus.
„Effizienteres Fachwerkhaus“
Die Aufstockung bezeichnen Gruber und Mori als neue und effizientere Version von traditionellen Fachwerkhäusern, bei denen die Zwischenräume der tragenden Holzstruktur mit unterschiedlichen, regional verfügbaren Materialien ausgefacht wurden. Eine Variante davon ist ein Gemisch von Stroh und Lehm. „Lehm hat eine hohe Rohdichte und dämmt nicht so gut, in Verbindung mit Stroh wird die Wirkung deutlich besser“, erklärt Mori. Die Maße des Rasters ergaben sich aus zwei Faktoren: einerseits die Maße der Kleinstrohballen (50 x 35 x beliebige Länge bis 100 cm) und andererseits die wiederverwendeten Bestandsfenster. Ein dritter Faktor war der umfassende Einsatz von Eigenleistung, denn die Architekten und Bewohner wollten so viel wie möglich selbst machen.
Wandaufbau und Fassade
Apropos Putz: „Wir haben die Aufstockung monolithisch gedacht. Die Strohballen sind dicker als die Stützen und schließen auf der Innenseite bündig. Die Stützen wurden mit Vorsatzbrettern versehen, hinter denen die Elektroleitungen laufen, die Zwischenfelder dann mit einem Lehm-Stroh-Gemisch befüllt und anschließend ein reiner Lehmputz aufgetragen. An der Außenseite wurden die Zwischenräume mit einem Kalk-Stroh-Gemisch ausgefüllt und darauf ein Kalkputz aufgebracht“, erläutert Mori und fügt hinzu:. „Diese Kombination hilft bauphysikalisch und gibt Masse, sorgt für Diffusionsoffenheit innen und eine diffusionsdichte Außenhaut.“ Um eben diese mühsam in Handarbeit gefertigte Lehm-Stroh-Dämmung nicht zu durchdringen, wurden außen Stahllisenen am Betonankerring montiert und darauf die Holzlamellen für Absturzsicherungen und Sonnenschutz fixiert.
Die soziale Komponente
Das gemeinschaftliche Arbeiten machte sichtlich Spaß und führt zu einer noch stärkeren Identifikation mit dem selbst geschaffenen Heim. © Stefano Mori
Das womöglich größte Alleinstellungsmerkmal des Projekts bildet die soziale Komponente, denn wie bereits erwähnt brachten sowohl die Architekten als auch die Bewohner ein enormes Maß an Eigenleistung ein – vom Erstversuch mit dem Stampflehmofen über die Restauration der Küche in Lehmbauweise bis hin zum Bau der Aufstockung. Das Holzständerwerk wurde von Alpen-Holzbau aus Niedernfritz vorgefertigt, per Kran eingehoben und montiert – dann machte sich die Familie an die Arbeit. „Ursprünglich waren die Innenwände auch in Strohballenbauweise angedacht, aufgrund der vielen Eigenleistung haben wir uns aber schlussendlich für eine Leichtbauweise mit Dreischichtplatten und Holzfaserdämmung entschieden. Zudem kamen wir von der Idee eines Feinputzes an der Innenseite der Außenwände ab – einerseits wegen des großen Aufwands und andererseits weil die Bewohner durch die Arbeit mit dem Material auch die Optik und Haptik des Rauputzes zu schätzen lernten“, verrät Gruber.
Learning by doing
Mit viel Eigenleistung verwandelten die Architekten und Bewohner das in die Jahre gekommene Einfamilienhaus in ein Mehrgenerationenhaus. © Stefano Mori
„Über den gesamten Projektverlauf hinweg haben wir nicht nur an der Technik, sondern auch an den Details getüftelt. Einen allgemeingültigen Standard gibt es bei einem solchen Vorhaben nicht, das Endergebnis ist nicht zu 100 % planbar. Es war Ausprobieren und Anpassen, learning by doing. Wir haben viel gebastelt – mit Qualität“, resümieren die Architekten. Denn auch die Suche nach geeignetem Stroh gestaltete sich als schwieriger als ursprünglich angenommen. Eigentlich wollte man das Material von regionalen Bauern beziehen, doch Baustroh weist besondere Eigenschaften auf – schließlich wurde man beim österreichischen Unternehmen Sonnenklee fündig.
Nun präsentiert sich das Mehrgenerationenhaus als gelungenes Vorzeigeprojekt für nachhaltiges, handwerkliches Bauen mit möglichst regionalen Firmen und Materialien. Bauphysikalisch wurden dabei alle Anforderungen eingehalten und so konnte auch eine Wohnbauförderung generiert werden.
Projektdaten
Standort: Bad Dürrnberg, Salzburg
Bauherrschaft: Familie Gruber
Planungsbeginn: Mitte 2021
Bauzeit: 2022 bis 2024
Architektur: Loci Architektur, Stefano Mori Architecture
Holzbau: Alpen-Holzbau
Tragwerksplanung: Tragwerkstatt
Bauphysik: Bauphysik-Team
Umbauter Raum: 1933 m²