Das Material sagt einem, was es kann

Ein Artikel von Birgit Gruber | 07.10.2026 - 08:55
c-oberhofer--04.jpg

© Simon Oberhofer

Wer Architekt Simon Moosbrugger nach seiner Haltung zum Holzbau fragt, bekommt keine programmatische Antwort. Kein „Holz muss es sein“, kein Plädoyer für den Baustoff um jeden Preis. Vielmehr geht es ihm um das Umfeld. „Ich versuche, aus dem jeweiligen Kontext und der Region heraus zu denken“, sagt der Architekt. „Letztlich geht es darum, welche Materialien und Lösungen am jeweiligen Ort funktionieren.“

Diese Haltung lässt sich an der neu gebauten Tischlerei Rüscher in Schnepfau besonders gut ablesen. Das rund 4800 m2 große Gebäude ist kein reiner Holzbau, sondern ein präzise entwickelter Holzhybridbau. Stahlbeton und Holz übernehmen jeweils jene Aufgaben, für die sie konstruktiv und funktional geeignet sind. In der Produktionshalle sorgen Holzstützen und weit gespannte Fachwerkträger aus Buchenfurnierschichtholz für einen offenen und flexiblen Raum. Entstanden ist so ein Zusammenspiel beider Baustoffe, bei dem Holz und Stahlbeton gezielt und entsprechend ihren jeweiligen Stärken eingesetzt werden. Für Moosbrugger ist diese Differenzierung selbstverständlich und wichtig.  

Zwischen Andelsbuch und Wien

c-oberhofer--17.jpg

Die neue Tischlerei Rüscher in Schnepfau verbindet Holzbau mit massiven Bauteilen und interpretiert regionale Bautradition zeitgemäß. © Simon Oberhofer

Moosbrugger arbeitet sowohl in Andelsbuch als auch in Wien. Zwei Orte, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die dennoch gemeinsam seine architektonische Arbeit prägen. In Vorarlberg trifft er auf eine jahrzehntelang gewachsene Holzbaukultur, auf regionale Handwerksbetriebe und eine Architektur, in der die Zusammenarbeit zwischen Planern und Ausführenden traditionell eng ist. Wien bringt einen anderen baulichen und kulturellen Kontext mit. „In Vorarlberg, und insbesondere im Bregenzerwald, gibt es eine sehr ausgeprägte Holzbau- und Bautradition. In Wien und Niederösterreich ist die Geschichte eine andere. Dort gibt es beispielsweise viel mehr Gebäude aus Stein oder Ziegel.“ Für ihn bedeutet das nicht, eine bestimmte Architektursprache von einem Ort zum anderen zu übertragen. Vielmehr geht es darum, genau hinzusehen. Was braucht der Ort? Welche Materialien sind verfügbar? Welche Konstruktion passt zur Nutzung? Und welche Lösungen lassen sich mit den vorhandenen handwerklichen Kompetenzen umsetzen? n

Vom Diplomprojekt zum realen Gebäude

c-oberhofer--24.jpg

Im Bürobereich trifft die Ortbetondecke auf Fichten-BSH-Stützen – eine konstruktive Verbindung von Massiv- und Holzbau. © Simon Oberhofer

Die Planung der neuen Tischlerei Rüscher begann für Moosbrugger im Rahmen seiner Diplomarbeit. Für diese Arbeit suchte er bewusst ein reales Thema mit einer realen Bauherrschaft als Gegenüber. Die Tischlerei seiner Onkel bot dafür den passenden Rahmen. „In Vorarlberg gibt es eine lange Tradition, dass Architektinnen und Architekten zunächst für die eigene Familie planen und bauen. Bei mir war es im Grunde nicht anders. Nur war der Maßstab mit der Tischlerei etwas größer als bei einem privaten Wohnhaus“, erzählt er.

Die Ausgangslage war komplex. Das Unternehmen bestand bereits seit 1910 am Ort und ist über Jahrzehnte gewachsen. Anbauten und Erweiterungen hatten zwar zusätzliche Flächen geschaffen, gleichzeitig aber die Abläufe immer unübersichtlicher gemacht. Die Hanglage setzte der Weiterentwicklung zusätzlich Grenzen. „Der bestehende Betrieb war über Jahrzehnte immer weitergebaut und erweitert worden. Dadurch war das Gebäude irgendwann zwar groß genug, aber sehr schlecht organisiert“, beschreibt Moosbrugger die Ausgangslage. Der Neubau wurde schließlich an einem anderen Standort in der Gemeinde realisiert. 

Kein Gebäude von der Stange

c-oberhofer--27.jpg

Großzügige Aufenthaltsbereiche, Mitarbeiterküche und Loungeraum ergänzen die Produktions- und Büroflächen. © Simon Oberhofer

Die Größe des neuen Betriebs stellte eine besondere Herausforderung dar. Ein Produktionsgebäude mit rund 5350 m² Bruttogeschoßfläche lässt sich nicht einfach nach den Maßstäben eines traditionellen Bregenzerwälderhauses planen. Gleichzeitig wollte Moosbrugger den Baukörper nicht künstlich in mehrere kleine Häuser zerlegen. „Das Prinzip von Wohnen und Arbeiten unter einem Dach und in einem geometrisch einfachen Volumen ist hier Jahrhunderte alt“, erklärt er. „Dieses Prinzip haben wir übertragen.“ Der Baukörper nimmt unterschiedliche Nutzungen auf und macht diese auch nach außen ablesbar. Der vordere Bereich mit Büros und gemeinschaftlich genutzten Räumen ist im Innenausbau von der historischen Architektur der Region inspiriert. Die Produktionsbereiche treten als einfachere, landwirtschaftlich geprägte Teile des Gebäudes in Erscheinung. Auch die Fassade folgt diesem Gedanken. Sägeraue Fichtenbretter sind in unterschiedlichen Richtungen angeordnet – vertikal, horizontal und diagonal. Im Erdgeschoß entsteht daraus ein fischgrätartiges Muster. „Es soll ablesbar machen, wo gearbeitet und produziert wird“, sagt Moosbrugger. 

Holz als Erfahrung

Sein Verhältnis zum Holz ist dabei auch persönlich geprägt. Die Tischlerei Rüscher gehört nämlich seinen Onkeln. Moosbrugger verbrachte bereits als Kind Zeit in der Werkstatt und lernte den Baustoff zunächst auf einer ganz anderen Maßstabsebene kennen – bei Möbeln und im Innenausbau. „Als Kind war ich bereits viel in der Werkstatt und hatte dadurch mit Holz zu tun. Damals natürlich noch nicht mit dem Gedanken, dass ich später einmal damit ein Gebäude planen würde“, sagt er. Der spätere Zugang zur Architektur hat diese frühe Erfahrung erweitert. „Holz ist für mich aber unabhängig davon ein interessantes Material. Es ist vergleichsweise leicht und sehr gut bearbeitbar und hat Eigenschaften, an die andere Materialien nicht so schnell herankommen.“ Die ökologischen Aspekte seien für ihn wichtig, kämen aber erst danach. Diese Aussage ist für das Verständnis seiner Architektur entscheidend. Holz ist für Moosbrugger nicht bloß Symbol für Nachhaltigkeit. Es ist ein Material mit konkreten Eigenschaften, Möglichkeiten und Grenzen. Genau diese Eigenschaften sollen die Konstruktion bestimmen.

Wenn das Material die Konstruktion bestimmt

Am deutlichsten zeigt sich das Materialverständnis des Architekten in der Produktionshalle. Gefragt war ein möglichst stützenfreier und flexibel nutzbarer Raum. Die Lösung bilden Fichtenpendelstützen und darüberliegende Fachwerkbinder aus Baubuche, die am Rand auf den Holzstützen und in der Mitte auf eingespannten Stahlbetonstützen auflagern. Die Fachwerke überspannen 18 m plus weitere 9 m und weisen bei diesen Spannweiten eine Konstruktionshöhe von 1,60 m auf. Die Fachwerkstruktur bietet nach Angaben von i+R Holzbau zudem einen funktionalen Vorteil. Die Haustechnik könne innerhalb der Konstruktion geführt werden. Dadurch lasse sich Raumhöhe sparen und die Leitungsführung bei einer späteren Veränderung der Maschinenaufstellung flexibel anpassen.

Die Entscheidung für Baubuche hatte auch konstruktive Gründe. Ursprünglich waren Fichtenleimbinder vorgesehen. Bei den erforderlichen Lasten wären jedoch zusätzliche Maßnahmen im Bereich des Querdrucks notwendig gewesen, zudem hätten die Träger rund 30 cm höher ausgeführt werden müssen. Das hätte die gesamte Gebäudehöhe vergrößert und diesen Nachteil wollte Moosbrugger mit Blick auf den Ort vermeiden.

Holz und Beton als Partner

Der Neubau zeigt zugleich, dass zeitgemäßer Holzbau für Moosbrugger nicht automatisch bedeutet, auf Beton zu verzichten. Ganz im Gegenteil. Gerade das Zusammenspiel der Materialien eröffnet konstruktive Möglichkeiten. Die erdberührten Bauteile und der massive Kopfbau wurden in Stahlbeton ausgeführt, während die Produktionshalle auf einer weitgehend vorgefertigten Holztragkonstruktion basiert. Eine besondere Lösung findet sich im Bürobereich. Dort liegt die Ortbetondecke am Rand auf Fichten-BSH-Stützen in einem Raster von zwei Metern.

Für i+R Holzbau-Geschäftsführer Hermann Böhler liegt eine besondere Qualität des Projekts in der frühen Einbindung des Holzbaus in den Entwurfsprozess: „Der Neubau der Tischlerei Rüscher zeigt gut, was möglich wird, wenn der Holzbau früh in die Planung eingebunden wird. So entstehen Holzbauausrufezeichen, die weit über die Region hinaus Beachtung finden.“ Das Lauteracher Unternehmen war dabei gemeinsam mit weiteren Ausführenden für die Umsetzung der Holzkonstruktion verantwortlich. i+R Industrie- und Gewerbebau fungierte als Generalunternehmer.

Vorfertigung verändert den Bauprozess

Die enge Zusammenarbeit setzte sich in der Vorfertigung fort. Große Teile der Holzkonstruktion und die Fassadenelemente wurden vorbereitet und anschließend auf der Baustelle montiert. Für Moosbrugger ist genau diese Kombination eine der großen Stärken des modernen Holzbaus. „Bei der Holzbauweise kann man in der Montagehalle sehr viel vorbereiten und parallel zum Baumeister arbeiten. Vor Ort geht das Versetzen dann sehr  schnell“, sagt er. Die Montage wurde dadurch zu einem hochkoordinierten Prozess. Gleichzeitig musste die Planung entsprechend präzise sein. Was in der Werkhalle vorgefertigt wird, lässt auf der Baustelle wenig Spielraum für nachträgliche Anpassungen. Dass die Halle innerhalb weniger Tage geschlossen werden konnte, zeigt die Konsequenz dieses Ansatzes. 

Architektur als Teil der Arbeitswelt

Moosbrugger betrachtet den Neubau nicht ausschließlich unter konstruktiven Gesichtspunkten. Ein Produktionsgebäude ist für ihn auch ein Ort, an dem Menschen einen großen Teil ihres Tages verbringen. Entsprechend viel Aufmerksamkeit wurde den Arbeits- und Aufenthaltsbereichen gewidmet. Der zweigeschoßige Bürobereich umfasst einen begrünten Innenhof. Raumhohe Verglasungen sorgen für Transparenz und Sichtbeziehungen innerhalb des Gebäudes. Dazu kommen großzügige Mitarbeiterräume, eine voll ausgestattete Mitarbeiterküche und ein zusätzlicher Loungebereich. Auch die technische Ausstattung unterstützt den Anspruch an einen zeitgemäßen Arbeitsplatz. Halle und Büros sind klimatisiert und mit einem Befeuchtungssystem ausgestattet. Die Architektur wird damit auch zur Visitenkarte des Betriebs.

Regionalität ist mehr als Herkunft

Zum architektonischen Konzept gehört schließlich auch die Frage, wer ein solches Gebäude baut. Die Bauherrschaft wollte möglichst viele Aufträge in der Region halten. Zahlreiche Fachplaner und ausführende Unternehmen stammen aus dem Bregenzerwald. „Das war für uns nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern auch Teil des Verständnisses des Projekts“, sagt der Architekt. „Dass zuerst ortsansässige Firmen wie die des Fensterbauers und Zimmerers für die Umsetzung angefragt werden, war für uns selbstverständlich.“ Damit schließt sich auch der Kreis zwischen Architektur, Holzbau und Handwerk. Die regionale Baukultur wird nicht über eine bestimmte Form definiert, sondern über Beziehungen: zum Ort, zum Material und zu den Menschen, die ein Gebäude planen und bauen.

Die Tischlerei Rüscher ist ein starkes Holzbauprojekt, gerade weil sie kein dogmatischer Holzbau ist. Holz wird dort eingesetzt, wo seine Eigenschaften Vorteile bringen. Beton kommt dort zum Einsatz, wo er konstruktiv sinnvoll ist (Stichwort: Explosionssicherheit). Die Fachwerkträger aus Baubuche sind nicht nur ein sichtbares Gestaltungselement, sondern lösen konkrete statische und technische Aufgaben. Die Vorfertigung wird nicht zum Selbstzweck, sondern beschleunigt den Bauprozess und erhöht die Präzision. Und die regionale Bautradition wird nicht kopiert, sondern weitergedacht. Moosbruggers Haltung lässt sich deshalb vielleicht am besten mit seinen eigenen Worten zusammenfassen: „Letztlich sagt einem das Material selbst, was es kann”, ist der Architekt überzeugt. 

Projektdaten

Standort: Schnepfau
Bauherr: Tischlerei Rüscher
Ausführung: 10/2021 – 12/2022 
Architektur: Simon Moosbrugger Architekt
Generalunternehmer / ÖBA / Projektleitung: i+R Industrie- & Gewerbebau
Tragwerksplanung Holzbau: i+R Holzbau
Tragwerksplanung Betonbau: ZTE-Leitner
Brandschutz: IHW – Ingenieurbüro Huber
Bauphysik: DI Günter Meusburger
Fassadenverkleidung: Zimmerei Oliver Beer
Fenster / Verglasungen: Tischlerei Alexander Beer
Grundstück: 7435 m²
Nutzfläche: 4800 m² inkl. Tiefgarage
Bruttogeschoßfläche: 5350 m² inkl. Tiefgarage
Bebaute Fläche: 2550 m²