Ein Dorf baut sein Museum

Ein Artikel von Birgit Gruber | 13.03.2026 - 08:15
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Das Museum Bezau ist nicht nur ein Ort für Ausstellungen, sondern selbst ein beeindruckendes Beispiel für Bregenzerwälder Holzbaukunst. © Dominic Kummer

Anna Katharina Feuerstein (1856–1935) erkannte bereits früh die wachsende Gefährdung des kulturellen Erbes im Bregenzerwald. Sie begann, eine Sammlung von Kulturgütern aufzubauen, und erwarb gemeinsam mit dem Heimatschutzverein das Haus Nr. 181 in Ellenbogen, in dem sich das Museum Bezau bis heute befindet. Der älteste Teil des Gebäudes reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Es ist ein für den Bregenzerwald klassisches Wälderhaus, das über Jahrhunderte hinweg mehrfach erweitert und verändert wurde. Typisch für diese Hausform ist die klare Gliederung in einen Wohntrakt und einen Wirtschaftstrakt, in dem früher das Vieh untergebracht war. Der Wirtschaftsteil ging im Laufe der Zeit verloren. Übrig blieb lediglich ein kleiner Anbau als Schuppen. „Das bestehende Gebäude war historisch sehr wertvoll, aber funktional zunehmend an seine Grenzen gestoßen“, beschreibt Architekt Sven Matt die Ausgangslage. Über Jahrzehnte hatte sich beim Museumsverein der Wunsch nach zusätzlichen Flächen aufgebaut. Es fehlten ein zeitgemäßer Eingang, ein Empfangsbereich, barrierefreie Erschließung sowie Räume für Sonderausstellungen.

Innauer Matt Architekten wurden 2018 in das Projekt eingebunden. „Der Verein suchte nach einer Lösung, die den Bestand respektiert und gleichzeitig neue Nutzungen ermöglicht“, so Matt. Von Beginn an war klar, dass die Erweiterung in Holz ausgeführt werden sollte. „Zum einen aufgrund der regionalen Baukultur, zum anderen, weil wir bewusst keinen starken Kontrast zum Bestand setzen wollten. Der Neubau sollte sich selbstverständlich einfügen, als Ergänzung, nicht als Gegenentwurf.“

Neubau als zeitgemäßer Wirtschaftstrakt

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© Dominic Kummer

Gestalterisch orientiert sich der Erweiterungsbau an der historischen Typologie des alten, holzverschindelten Blockbaus. Der Neubau übernimmt die Rolle des ehemaligen Wirtschaftstrakts und ordnet sich dem Wohnteil unter. „Uns war wichtig, die historische Ordnung des traditionellen Holzbaus wieder lesbar zu machen“, erklärt Matt. „Es ging nicht um Rekonstruktion, sondern um eine zeitgemäße Weiterführung.“ Von außen ist kaum erkennbar, wo Alt endet und Neu beginnt. Die zurückhaltende Gestaltung des Neubaus mit senkrechter Holzverschalung nimmt Bezug auf die traditionelle Bauweise, ohne historisierend zu wirken. „Mit der Zeit, durch Patina, wird sich der Neubau noch stärker dem Bestand annähern“, weiß der Architekt.

Bestand als Exponat, Neubau als Infrastruktur

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Ein Haus voller Geschichten: Das Museum Bezau lässt die Kultur und Lebensweise  des Bregenzerwaldes  lebendig werden. © Dominic Kummer

Die funktionale Trennung zwischen Alt- und Neubau folgt einer klaren Logik. Der Bestand bleibt weitgehend unverändert und wird so selbst zum historischen Fragment. „Der Bestand ist im Grunde selbst ein Exponat: historische Stuben, Wohnräume und originale Bauteile“, sagt Matt. Der Neubau hingegen nimmt alle funktionalen Anforderungen auf: Eingang, Empfang, Aufzug, barrierefreie Erschließung sowie Flächen für Sonder- und Dauerausstellungen. Hier werden Inhalte thematisch vertieft, etwa zum Frauenhandwerk oder zu den Barockbaumeistern im Bregenzerwald. Der Neubau wird damit zur infrastrukturellen Basis des Museumsbetriebs, während der Altbau seine atmosphärische und historische Qualität bewahrt.

Schlanker Holzbau und regionale Wertschöpfung

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Die Holzoberflächen erzeugen eine besondere Raumstimmung: Wärme, Ruhe und Natürlichkeit prägen die Atmosphäre. © Dominic Kummer

Konstruktiv ist der Neubau als Holzständerbau mit sehr schlanken Brettstapeldecken ausgeführt. Diese sind nur etwa zwölf Zentimeter stark und waren eine bewusste Entscheidung. „Das war entscheidend, da der Bestand sehr geringe Raumhöhen hat und wir trotzdem im Neubau angemessene Höhen schaffen wollten“, erläutert Matt. Ein besonderes Merkmal ist die Herkunft des Materials: „Das gesamte Holz stammt aus dem eigenen Wald des Museumsvereins.“ Damit wird regionale Wertschöpfung nicht nur behauptet, sondern konkret umgesetzt – vom Wald bis zum fertigen Gebäude.

Alt- und Neubau sind konstruktiv getrennt. „Die Gebäude sind statisch vollständig voneinander abgekoppelt. Sie berühren sich nur an definierten Übergängen wie Türen oder Durchgängen“, berichtet Matt. Auch die Dachstühle sind eigenständig, der historische Dachstuhl steht unter Denkmalschutz und wurde lediglich innen ausgebaut.

Lowtech, Akzeptanz von Unterschieden

Auch bauphysikalisch folgt das Projekt einem bewusst einfachen Ansatz. Der Neubau erfüllt heutige Dämmstandards, der Bestand wurde hingegen thermisch nicht ertüchtigt. „Im Winter kann es dort kühl sein. Das wurde bewusst akzeptiert“, sagt Matt. Gelüftet wird ausschließlich natürlich über Fenster und Dachflächenfenster, die auch zur nächtlichen Abkühlung im Sommer beitragen. Beim Brandschutz profitiere das Projekt von seiner überschaubaren Größe. „Brandschutz war überraschend unkompliziert. Aufgrund der geringen Größe gilt das Gebäude – mit Ausnahme des Magazins im Untergeschoß – als ein Brandabschnitt.“

Gekalktes Holz als atmosphärisches Mittel

Ein prägendes Element des Neubaus sind die weiß gekalkten Holzoberflächen im Innenraum. Die Entscheidung dafür hat sowohl historische als auch gestalterische Gründe. „Wirtschaftsräume wurden traditionell aus hygienischen Gründen regelmäßig gekalkt“, erklärt Matt. Gleichzeitig sollte das Holz im Ausstellungsbereich optisch zurückgenommen werden, ohne seine Materialität zu verlieren. „Die Kalkung abstrahiert das Holz, lässt aber Haptik, Struktur und Wärme spürbar werden.“ Im Zusammenspiel mit den dunkel patinierten Oberflächen des Bestands entsteht ein bewusst gesetzter atmosphärischer Kontrast zwischen Alt und Neu. Die von regionalen Tischlereien gefertigten Möbel aus massivem Eschenholz verleihen den Räumen eine ruhige, zeitlose Eleganz.

Ehrenamt als tragende Säule

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Gestern und Heute begegnen sich im Museum Bezau unter einem Dach. © Dominic Kummer

Ein wesentlicher Faktor für die Realisierung war das außergewöhnliche Engagement der Bevölkerung. Der Museumsverein arbeitet ehrenamtlich, ebenso viele Unterstützer aus dem Ort. „Der Großteil der ausführenden Firmen stammt aus Bezau oder der Region“, so der Architekt. Neben bezahlten Leistungen flossen unzählige unbezahlte Arbeitsstunden in das Projekt. „Das Museum ist nämlich keine isolierte Kulturstätte, sondern Teil des öffentlichen Lebens – mit Veranstaltungen, Theater, Hochzeiten.“ Dieses Verantwortungsgefühl habe das Projekt überhaupt erst möglich gemacht.

Nachhaltigkeit jenseits von Labels

Für Matt ist das Projekt auch ein Plädoyer für einen differenzierten Umgang mit dem Holzbau. „Holz ist ein großartiges Material, aber es darf nicht unreflektiert eingesetzt werden. ‚Hauptsache Holz‘ ist kein nachhaltiges Konzept.“ Entscheidend sei der kontextbezogene, sinnvolle Einsatz. „Nachhaltig sind Gebäude dann, wenn sie lange genutzt und akzeptiert werden.“ Holz könne dazu beitragen – nicht nur technisch, sondern vor allem atmosphärisch: „durch Atmosphäre, Patina, Geruch und Haptik. Diese weichen Qualitäten werden oft unterschätzt.“ Die größte Stärke des Holzbaus sieht Matt daher nicht allein in der Konstruktion, sondern in seiner Wirkung auf die Nutzer. „Holz verbindet Sinnlichkeit mit Sinnhaftigkeit. Wenn es richtig eingesetzt wird, schafft es Gebäude mit hoher Identifikation und langer Lebensdauer. Das ist für mich der eigentliche Kern von Nachhaltigkeit.“

Ein gemeinschaftlich getragenes Stück Baukultur

Für das Projekt Museum Bezau ist für Matt vor allem eines zentral: der gemeinschaftliche Charakter. „Dieses Projekt zeigt, was mit Engagement, Ehrenamt und sparsamen Mitteln möglich ist. Es ist kein Prestigeobjekt, sondern ein gemeinsam getragenes Stück Baukultur – tief verwurzelt im Ort.“ Damit wird das Museum Bezau nicht nur zu einem architektonischen Beispiel für gelungenes Weiterbauen im Bestand, sondern auch zu einem sozialen und kulturellen Projekt, das zeigt, wie Denkmalpflege, zeitgenössischer Holzbau und lokale Gemeinschaft zu einer überzeugenden Einheit zusammenfinden können.

Projektdaten

Standort: Bezau
Bauherr: Museumsverein Bezau
Plangsbeginn: 2018
Beginn Ausführung: September 2022
Fertigstellung: April 2024
Architektur: Innauer Matt Architekten
Bauleitung: Flatz & Jäger
Statik: merz kley partner
Bauphysik: Günter Meusburger
Holzbau: Kaspar Greber Holz- und Wohnbau
Holzfenster: Schwarzmann Fenster
Schindelfassade: Schindel Hutle, Schnepfau
Innenwände: Konstruktiver Holzbau, Fichte
Außenwände: Konstruktiver Holzbau, Fichte
Fenster: Heimische Fichte, 3-fach-verglast, Velux
Dach: Dacheindeckung mit Eternit
Auszeichnungen: Denkmalschutzmedaille 2024, Vorarlberger Holzbaupreis 2025, Velux Architektur-Wettbewerb 2024/25 – 1. Platz, ZV Bauherr:innenpreis 2025 und staatlicher Sonderpreis