Holz als ordnendes Prinzip

Ein Artikel von Birgit Gruber | 02.03.2026 - 08:22

Das House of Grain, auf Dänisch Kornets Hus, steht ruhig in der Landschaft und fügt sich harmonisch in seine Umgebung ein. Das Gebäude ist niedrig, klar gegliedert und zeigt ein zurückhaltendes Volumen, das auf Wind, Wetter und die Weite der nordjütländischen Felder reagiert. Die Ziegelwände greifen die regionale Bautradition auf, während gezielt gesetzte Fenster Ausblicke in die Landschaft ermöglichen. So entstand ein Haus, das stabil, langlebig und gleichzeitig offen wirkt. Der moderne Hofbau bekommt durch Holz im Inneren Struktur und Atmosphäre.

Holz als konstruktive Haltung

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© Reiulf Ramstad Arkitekter

Der Neubau ist gleichzeitig Wissenszentrum, Ausstellungsgebäude, Lernort, Bäckerei, Café und Treffpunkt für die Menschen vor Ort. Inhaltlich dreht sich alles um Getreide: seine Geschichte, seine Bedeutung für die Kultur und seine Rolle für eine gesunde, nachhaltige Ernährung. Gleichzeitig erzählt das Gebäude auf bauliche Weise eine zweite Geschichte: Holz ist hier nicht nur Dekoration, sondern das tragende und ordnende Material des Hauses. „Holz ist das nordische Baumaterial par excellence, erneuerbar, CO2-speichernd und von einer wohltuend menschlichen Haptik“, sagt Reiulf Ramstad. „Es reguliert die Luftfeuchtigkeit, verbessert die Akustik und vermittelt ein Raumgefühl, das intuitiv verstanden wird. In diesem Projekt verweist es zugleich auf die Geschichte des Ortes rund um Getreide und Brot. Wir haben ein organisches Material für eine organische Geschichte verwendet.“

Holzraster als räumliche Logik

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Einladende Terrassenflächen und ein Gartenhof mit experimentellen Getreidebeeten erweitern das Lernzentrum nach außen. © Reiulf Ramstad Arkitekter

Das Herzstück des Gebäudes bildet ein tragendes Raster aus Brettschichtholz. Dieses Konstruktionsprinzip prägt den gesamten Grundriss, legt die Stützenabstände fest, bestimmt die Spannweiten und verleiht dem Haus einen klaren räumlichen Rhythmus. Die Konstruktion vereint Beton, Stahl und Holz, wobei das Holz als prägendes Material dominiert. Das Raster strukturiert die Räume auf einer Ebene und ermöglicht eine vielseitige, flexible Nutzung. Damit ist das Holztragwerk weit mehr als ein statisches Element: es wird zum zentralen Ordnungsprinzip des Hauses. Es verknüpft funktional die unterschiedlichen Bereiche – von Workshops und Ausstellungen über die Backstube bis hin zu Café und Veranstaltungsräumen. 

Große Spannweiten und eine reduzierte Anzahl an Stützen schaffen offene Raumfolgen, die sich an veränderte Anforderungen anpassen lassen, ohne in die Tragstruktur einzugreifen. Die Wegeführung ist klar gegliedert und intuitiv erfassbar. Das Gebäude ist so konzipiert, dass es für möglichst viele Menschen zugänglich ist. Seit der Eröffnung im Sommer 2021 hat sich das Haus durch seine markante Form zu einer architektonischen Attraktion und zu einem beliebten Treffpunkt in der Region entwickelt. Im Inneren, auf dem Gelände und im unmittelbaren Umfeld finden vielfältige Aktivitäten statt. 

Hybridität statt Materialdogma

So zentral das Holz ist, so bewusst setzt das Projekt auf Hybridität. „House of Grain ist kein materialreiner Holzbau“, so Ramstad, „sondern ein präzise abgestimmter Hybrid.“ Beton übernimmt die erdberührenden Bauteile, sorgt für Aussteifung, Robustheit und Dauerhaftigkeit. Ziegel bilden die äußere Hülle und knüpfen an regionale Traditionen an, während sie zugleich thermische Masse und Witterungsbeständigkeit bieten. Stahl kommt dort zum Einsatz, wo filigrane Anschlüsse und großflächige Verglasungen konstruktiv sinnvoll sind. „Das sind traditionelle dänische Materialien, die von Lehmöfen und handwerklicher Baupraxis inspiriert sind“, erläutert Ramstad. „Die Verwendung lokaler Materialien war sowohl im Hinblick auf Nachhaltigkeit als auch auf die Repräsentation der lokalen Kultur ein wichtiger Bestandteil des Projekts.“ Holz bildet das konstruktive Rückgrat, Ziegel die schützende Haut, Beton die stabile Basis. Diese funktionale Zuordnung macht das Projekt zu einem exemplarischen Beispiel für zeitgemäßen Holzbau im Verbund mit anderen Baustoffen.

Dach als konstruktiver Ausdruck

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Der Innenraum des House of Grain ist um einen zentralen Brotbackofen organisiert – Mittelpunkt für Aktivitäten und Begegnungen. © Axel Søgaard

Besonders eindrucksvoll wird die Holzbaulogik in der Dachkonstruktion sichtbar. Die gefaltete Dachlandschaft mit ihren markanten Lichttürmen ist keine formale Spielerei, sondern direkt aus der Holztragstruktur entwickelt. Geneigte Holzrahmen tragen die Dachflächen, definieren die Geometrie und erzeugen die charakteristische Silhouette. Die Lichttürme sitzen konstruktiv auf dem Holztragwerk auf und führen Tageslicht tief in das Gebäude. „Die Lichttürme sind richtige Tageslichtkamine und eine zeitgenössische Anspielung auf den alten Backofen und seinen vertikalen Zug“, erklärt Ramstad. „Sie ziehen den Himmel in die Räume und markieren zugleich wichtige Orte im Inneren.“ Die Dachkonstruktion wird so zur Schnittstelle zwischen Konstruktion und Atmosphäre.

Raum und Atmosphäre

Im Innenraum prägt das Holz nicht nur die Statik, sondern auch die Atmosphäre. Sichtbare Holzoberflächen, ergänzt durch akustisch wirksame Holzpaneele, erzeugen eine warme, handwerklich geprägte Raumwirkung. Die räumliche Dramaturgie ist bewusst inszeniert. „Der Hauptmoment ist, wenn man das Gebäude betritt“, beschreibt Ramstad. „Zuerst ein sehr intimer, kleiner Eingangsbereich. Dann öffnet sich plötzlich dieses große, V-förmige Raumvolumen und man sieht die Landschaft mit einem anderen Blick.“ Der Wechsel von Enge zu Weite, von Schutz zu Offenheit, wird als räumliches Erlebnis erfahrbar. 

Nachhaltigkeit durch Struktur

Auch in ökologischer Hinsicht ist das Projekt beispielhaft. Es verfolgt das Ziel eines niedrigen Energiebedarfs durch kompakte Bauweise, hohe Dämmstandards, Luftdichtheit der Konstruktion, dreifach verglaste Fenster und den Einsatz erneuerbarer Energien. Regionale, zertifizierte Hölzer, emissionsarme Materialien und ein hoher Vorfertigungsgrad tragen zur Reduktion von Emissionen bei. Doch Nachhaltigkeit wird hier nicht allein über Kennwerte definiert. Entscheidender ist die strukturelle Intelligenz des Entwurfs. Die Rasterlogik erlaubt Anpassungen, Umnutzungen und funktionale Veränderungen, ohne dass die Primärstruktur infrage gestellt werden muss. „Nachhaltigkeit bedeutet vor allem, dass etwas lange hält, Qualität hat, von vielen genutzt werden kann und Patina ansetzen darf“, hält Ramstad fest.

Holzbau als kulturelle Praxis

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© Rasmus Hjortshøj

House of Grain ist nicht einfach ein architektonisches Statement, sondern ein durchdachtes System, in dem Holz eine zentrale, aber nicht alleinige Rolle spielt. Die Architektur ist fest in der Umgebung, in der Nutzung und in der regionalen Materialkultur verwurzelt. Wie Reiulf Ramstad sagt: „Es ist meine Überzeugung, dass Architektur eine tiefe Verankerung im Boden, am Ort, im Klima und in der Atmosphäre haben muss, die man vorfindet.“ Für den modernen Holzbau zeigt das Projekt, wie Holz als Haupttragstruktur genutzt werden kann, ohne auf die Vorteile anderer Materialien zu verzichten. Holz wird hier nicht zum Selbstzweck, sondern ist Teil eines langlebigen, flexiblen und stabilen Gebäudes. Diese klare konstruktive Logik macht House of Grain zu einem wichtigen Referenzprojekt für den heutigen Holzbau.

Projektdaten

Standort: Hjørring / DK
Bauherr: Ejendomsfonden Kornets Hus
Baubeginn: 2018
Eröffnung: Sommer 2021
Architektur: Reiulf Ramstad Arkitekter
Generalunternehmer/Holzbau: Trigon
Tragwerksplanung: Cowi
Bauphysik: Triconsult
Holzarten: Leimholz Fichte (Stützen und Träger);Eichenfurnier auf Sperrholz (Deckenpaneele)
Grundstücksfläche: 5000 m²
Nutzfläche: 680 m²