Herz aus Holz

Ein Artikel von Birgit Gruber | 14.01.2026 - 07:18
Dorte Mandrup_Centre for Health_54.jpg

© Adam Mørk

Warmes Holz prägt die Atmosphäre. Tageslicht fällt in breiten Bahnen ins Innere und sanfte, organische Formen leiten die Besucher intuitiv durch das Gebäude. Mittelpunkt dieser Erfahrung ist ein beeindruckender, fast sakral wirkender Innenraum, der von einer rhythmischen Sequenz dreigelenkiger, 15 m hoher Brettschichtholz-Bögen gehalten wird – eine räumliche Geste, die gleichermaßen Präzision, Leichtigkeit und Wärme ausstrahlt.

Das dänische Architekturbüro von Dorte Mandrup verfolgt mit dem Centre for Health eine klare Vision: Architektur soll nicht nur Räume bereitstellen, sondern Menschen in ihrem Alltag unterstützen, sie stärken, motivieren und zu gesünderen Lebensweisen anregen. Das Gebäude wird damit zu einem aktiven Partner im Heilungsprozess. Das Projekt zeigt außerdem beispielhaft, wie zukunftsweisend, leistungsfähig und gesellschaftlich relevant der Einsatz von Holz heute ist. Das gilt vor allem für den Gesundheitsbereich. „Mit dem Centre for Health wollten wir einen Raum schaffen, der nicht nur die Lebensqualität der Menschen, die hier behandelt werden, verbessert, sondern sie aktiv zu einem gesünderen Lebensstil ermutigt.

Das Design entstand in einem inklusiven und kollaborativen Prozess mit zukünftigen Nutzern, Mitarbeitenden und der Verwaltung. Dieser ermöglichte es uns, Funktionen, Raumgestaltung, Materialität und Haptik genau auf ihre Bedürfnisse abzustimmen und die Rehabilitation gezielt zu unterstützen. Besonders wichtig war uns dabei, Platz für Begegnung und Gemeinschaft zu schaffen. Denn das Gefühl von Zusammengehörigkeit trägt entscheidend dazu bei, die Behandlung motivierender und langfristig wirksamer zu machen“, erklärt Dorte Mandrup, Gründerin und Kreativdirektorin. 

Ein Zentrum, das Menschen bewegt

Dorte Mandrup_Centre for Health_60.jpg

Gemeinschaftsbereiche, Trainings- und Kursräume: das Centre for Health verbindet medizinische Funktion mit sozialem Raum. © Adam Mørk

Das Centre for Health richtet sich an Menschen mit lebensstilbedingten Erkrankungen, allen voran Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Statt auf klinische Distanz setzen die Architekten auf räumliche Nähe, statt auf sterile Ästhetik auf Materialität, die Vertrauen schafft. Holz spielt dabei die Hauptrolle. Schon beim Eintritt öffnet sich die großzügige, lichtdurchflutete „Herzraum“ (Heart Room) – ein zentraler Begegnungs- und Bewegungsraum, der als räumliches Herz die umliegenden Funktionen miteinander verbindet. Die tragenden Holz­bögen definieren ihn maßgeblich. Sie geben dem Bereich jene Wärme und Ausdruckskraft, die man sonst eher mit sakralen Gebäuden verbindet. Doch die Bögen sind weit mehr als ein gestalterisches Element. Sie demonstrieren laut Mandrup die Leistungsfähigkeit modernen Holzes im großmaßstäblichen öffentlichen Bau. Ihre Dreigelenkkonstruktion ermögliche große Spannweiten bei gleichzeitig filigraner Erscheinung.

Holz als gesundheitsförderndes Material

Holz begleitet die Besucher durch das gesamte Gebäude. Wände und Decken sind mit hellen Holzpaneelen ausgekleidet, teilweise akustisch wirksam. Diese Details schaffen ein Innenraumklima, das nachweislich Stress reduziert, Herzfrequenzen senkt und Regeneration unterstützt. „Studien zeigen, dass sich Menschen in Holzräumen sicherer, geborgener und wohler fühlen”, weiß Mandrup. Beim Projekt nutzte man diese Qualität bewusst: „In einem Kontext, in dem Krankheitsbewältigung und Verhaltensänderung im Mittelpunkt stehen, ist die emotionale Kraft des Materials Holz ein zentraler Baustein des Konzepts.” In Kombination mit großzügigen Fensterflächen, Dachverglasungen und Ausblicken ins Grüne entsteht ein Raumgefüge, das Menschen nicht überfordert, sondern ermutigt. Ein entscheidender Aspekt, wenn man Patienten helfen möchte, neue Routinen zu entwickeln.

Architektur, die Gemeinschaft stärkt

Ein weiterer Schlüssel des Entwurfs ist das Thema Gemeinschaft. Mandrup und ihr Team haben eng mit zukünftigen Nutzern, Therapeuten und der Verwaltung zusammengearbeitet. Gemeinsam wollte man einen Ort schaffen, an denen Austausch, Begegnung und gegenseitige Unterstützung stattfinden können. Die dominante Holztreppe im Atrium spielt dabei eine große Rolle. Sie dient nicht nur als Erschließungselement, sondern auch als Treffpunkt und Aktivitätszone. 

Vom historischen Kontext in die Zukunft

Dorte Mandrup_Centre for Health_42.jpg

Eingangsfassade des Centre for Health: Die sanft geschwungene Glas- und Metallfront öffnet sich zum historischen Quartier ‚De Gamles By'. © Adam Mørk

Das Centre for Health liegt am Eingang zu De Gamles By („Die Stadt der Alten“), einem historischen Stadtkomplex im Herzen Kopenhagens, dessen Ursprung ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Ursprünglich als Altenheim und Krankenhaus konzipiert, sollte die Anlage den Bewohnern nicht nur Unterkunft, sondern auch ein Gefühl von Gemeinschaft, Sicherheit und Geborgenheit bieten. Die Architektur ist geprägt von Satteldächern, Giebeln und Strukturen, die bewusst eine fast dörfliche, überschaubare Atmosphäre und damit einen Kontrast zur umliegenden städtischen Dichte schaffen. 

Heute hat sich De Gamles By zu einem öffentlichen Raum entwickelt, der verschiedene soziale, kulturelle und gesundheitliche Angebote für die Nachbarschaft bereithält. Parks, Grünflächen und kleine Plätze laden zur Begegnung ein, während die historischen Bauten den Kontext für neue, zeitgenössische Architekturprojekte wie das Centre for Health bieten. So entsteht ein spannendes Zusammenspiel von Tradition und Moderne, in dem neue Funktionen respektvoll in den historischen Rahmen eingebettet werden. 

Mandrup nimmt diese Formensprache auf, übersetzt sie aber in eine zeitgenössische, ausdrucksstarke Holzarchitektur. Die äußere Hülle ist mit dunkelbraunen Metallpaneelen verkleidet, die wie eine schützende Haut wirken. Doch der eigentliche Charakter wird erst sichtbar, wenn sich die Fassade nach Süden öffnet: Eine vollständig verglaste Front gibt den Blick auf das innere Holztragwerk und auf die Gärten frei, die für Erholung und Bewegung genutzt werden. Die Architektin zeigt damit, wie Holzbau in historischen Kontexten anschlussfähig und modern zugleich sein kann, ohne nostalgisch zu wirken.

Nachhaltigkeit in Struktur und Betrieb

Dorte Mandrup_Centre for Health_52.jpg

Das Centre for Health ist nicht nur ein Gesundheitszentrum. Es ist ein Manifest des zeitgenössischen Holzbaus © Adam Mørk

Neben der sozialen und gesundheitlichen Wirkung setzt das Centre for Health auch ein deutliches Zeichen in Richtung ökologischer Verantwortung. Das Gebäude ist als ganzheitlich nachhaltiger Organismus gedacht, in dem Materialwahl, Energiekonzept und architektonische Form miteinander verzahnt sind. Ein wesentlicher Baustein dieser Strategie ist die Konstruktion. Der überwiegende Teil der Tragstruktur besteht aus Brettschichtholz und vorgefertigten Holzrahmen-Bauelementen. Der Werkstoff Holz bleibt dabei bewusst sichtbar. Die ausdrucksstarken Oberflächen altern würdevoll, benötigen wenig Pflege und verlängern durch ihre Robustheit und Reparaturfreundlichkeit den Lebenszyklus des Gebäudes.

Zur energetischen Optimierung dienen 164 m2 in das Dach integrierte Solarmodule, die einen Teil des laufenden Energiebedarfs decken und den Betrieb langfristig kosteneffizienter gestalten. Die Photovoltaik ist dabei so in die Dachhaut eingebettet, dass sie nicht als technisches Add-on erscheint, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der Architektur.

Die tiefen vertikalen Lamellen der Fassade übernehmen gleich mehrere Funktionen: Sie fungieren als effektiver Sonnenschutz, reduzieren den Kühlbedarf im Sommer signifikant und bilden zugleich ein architektonisches Echo der hölzernen Tragstruktur, die im Inneren des Gebäudes ihre skulpturale Kraft entfaltet. Damit wird das Centre for Health zu einem Beispiel dafür, wie Holzbau und Gesundheitsarchitektur sich gegenseitig stärken können: Das Material spart CO2, verbessert das Raumklima und schafft jene Atmosphäre, die Menschen dabei unterstützt, gesünder zu leben. 

Ein Wegweiser für zukünftige Gesundheitsbauten

Der Bedarf an Einrichtungen für sogenannte Wohlstands- oder Zivilisationskrankheiten (Krankheiten, die mit modernen Lebensgewohnheiten in reichen Ländern in Verbindung gebracht werden, wie Bewegungsmangel, Überernährung und Stress) wächst rapide. Allein in Kopenhagen werden laut Regierung die Zahlen der Betroffenen in den kommenden Jahrzehnten stark steigen. Mit dem Centre for Health zeigt Dorte Mandrup, dass solche Bauten nicht funktionale Notwendigkeiten sein müssen, sondern impulsgebende Orte, die Gesellschaft und Gesundheit aktiv formen. Das Centre for Health ist demnach nicht nur ein Gesundheitszentrum. Es ist ein Manifest des zeitgenössischen Holzbaus und ein lebendiger Beleg dafür, wie Architektur aktiv Heilungsprozesse unterstützen kann. Zugleich liefert es ein Modell für die Gesundheitsbauten der Zukunft, in denen Material, Raum und Gemeinschaft Hand in Hand gehen.

Interview mit Kasper Pilemand, Partner & Head of Projects

Kasper Pilemand.jpg

Kasper Pilemand, Partner & Head of Projects bei Dorte Mandrup © Tuala Hjarn

Was war die zentrale Idee hinter dem Centre for Health und wie wurde das Thema Wohlbefinden architektonisch übersetzt? Ziel war es von Beginn an, sich bewusst vom klinischen Charakter klassischer Gesundheitseinrichtungen zu lösen. Architektonisch wurde dies durch Offenheit, viel Tageslicht, warme Materialien und klare Bewegungsabläufe umgesetzt.

Der „Heart Room“ ist räumlich und sozial das Zentrum des Gebäudes. Welche Rolle spielt er für Gemeinschaft und Begegnung? Der Heart Room ist das visuelle und funktionale Zentrum des Hauses. Wir vergleichen ihn mit dem Kreislaufsystem des Körpers: Alles fließt hier zusammen. Die große Bewegungstreppe dient als Sitzstufe für informelle Treffen. Kleinere Aufenthaltsbereiche fördern spontane Begegnungen und stärken das Gemeinschaftsgefühl.

Wie wurde eine warme, menschliche Atmosphäre statt einer klinischen geschaffen? Entscheidend waren Materialität, Licht und der starke Bezug zum Außenraum. Die sichtbare Holzkonstruktion verleiht dem Gebäude Wärme und Sinnlichkeit. Gleichzeitig bieten unterschiedlich offene und geschützte Räume sowohl Austausch als auch Rückzug – je nach individuellem Bedürfnis.

Warum war Holz so zentral, welche Herausforderungen gab es? Holz war von Beginn an gesetzt. Neben den ökologischen Vorteilen vermittelt es Geborgenheit und Sinnlichkeit – wichtig in einer Umgebung, die für viele mit Unsicherheit verbunden ist. Die größten Herausforderungen lagen im Brandschutz sowie in der technischen Integration, um den 15 m hohen, klaren Atriumraum nicht zu stören.

Welche Erkenntnisse brachte die enge Einbindung von Nutzern und Mitarbeitenden? Besonders deutlich wurde der Wunsch nach einem Ort, der sich nicht wie eine klassische Gesundheitseinrichtung anfühlt. Statt „Patientenrolle“ wollten die Nutzer einen Ort der Motivation, des Respekts und der Begegnung.

Wie wurde der historische Kontext von De Gamles By berücksichtigt? Das Umfeld von De Gamles By ist sehr vielfältig. Das Centre for Health versteht sich als vermittelndes Element: zeitgemäß in der Sprache, aber in Maßstab, Dachform und Rhythmus an die Umgebung angepasst. Die Fassade aus braun eloxiertem Aluminium bildet eine schützende Hülle, während die sichtbaren Holzstrukturen Bezug auf die historische Bebauung nehmen.

Wie greifen Nachhaltigkeit und Gesundheit ineinander? Ökologische und menschliche Nachhaltigkeit sind untrennbar verbunden. Gutes Tageslicht, natürliche Belüftung, gesunde Materialien und ein starker Naturbezug fördern nicht nur die Umwelt, sondern auch das Wohlbefinden der Nutzer.

Kann Architektur tatsächlich gesunde Lebensweisen fördern? Ja – indem sie die richtigen Rahmenbedingungen schafft. Wer sich willkommen und wertgeschätzt fühlt, ist eher bereit, Neues auszuprobieren und langfristig dranzubleiben. Im Centre for Health haben sich bereits Sport- und Freizeitgemeinschaften gebildet.

Welche Rolle spielt das sinnliche Erleben von Raum und Material? Eine sehr große. Licht, Holz und menschlicher Maßstab schaffen Vertrauen, wirken stressreduzierend und fördern das Gefühl von Sicherheit – besonders wichtig für Menschen in sensiblen Lebensphasen.

Welche Erfahrungen aus dem Projekt prägen zukünftige Arbeiten? Die intensive Nutzerbeteiligung war ein entscheidender Erfolgsfaktor und wird auch künftig eine zentrale Rolle spielen. Zudem konnten wir den Einsatz von Holz im öffentlichen Bau weiterentwickeln – technisch wie gestalterisch.

Projektdaten

Standort: Kopenhagen / DK
Bauherr: Copenhagen Municipality
Planungsbeginn: 2019
Baubeginn: 2022
Fertigstellung: November 2024
Architektur: Dorte Mandrup
Generalplanung: Dorte Mandrup
Bauleitung: ABC Rådgivende Ingeniører
Tragwerksplanung: ABC Rådgivende Ingeniøre
Bauphysik: Dorte Mandrup & ABC Rådgivende Ingeniører
Holzbau: Roust; Lilleheden
Grundstücksfläche: 2.910 m²
Verwendete Holzarten: Brettschichtholz-Rahmen aus Kiefer, massive Holzdecken (Brettstapel), Holzkassetten für Fassade und Dach