Herr Dr. Taurer, Sie sind seit Juni 2025 Obmann des Fachverbands der Holzindustrie Österreichs. Wie beurteilen Sie derzeit die Lage am Markt?
Wir sind im vierten Jahr mit einer sehr schwachen Baukonjunktur, das belastet unsere Mitglieder natürlich stark. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geben weiterhin wenig Anlass zur Freude. Die Rezession hält an, eine spürbare Konjunkturerholung lässt auf sich warten, und das politische Umfeld bleibt höchst unsicher. Neben den hausgemachten Problemen in Österreich und Europa verunsichert die Weltlage viele Menschen und die Wirtschaft. Ukraine, Venezuela, Zölle, Iran: Tempo und Umfang der Krisen nehmen zu. All das erschwert verlässliche Planung und fordert unsere Unternehmen täglich.
Wir sind in der Holzindustrie robust und resilient aufgestellt. Es gibt erste Anzeichen einer Erholung, etwa weil die Zinsen gesunken sind und sich Bauprojekte nun wieder durchaus rechnen lassen. Wenn die Lage am Persischen Golf weiter eskaliert und durch einen Gas- und Ölschock die Inflation erneut ansteigt, bleibt die Lage der Unternehmen jedoch angespannt.
Welche politischen oder regulatorischen Themenbeschäftigen die Holzindustrie derzeit besonders?
Bei der EU-Entwaldungsverordnung, bekannt als EUDR, konnte das Schlimmste verhindert werden. Die Kommission ist aufgefordert, Vorschläge für weitere Vereinfachungen vorzulegen. Da bleiben wir aktiv daran, weil sich die Euphorie der Kommissionsbeamten dafür in Grenzen hält. Weiterhin braucht es eine Revision der LULUCF-Verordnung. Der Anreiz geht derzeit zu stark in Richtung statischer Kohlenstoffeinlagerung im Wald statt in dynamischen Waldumbau, und auch die Anrechnung der Kohlenstoffeinlagerung in Holzprodukte ist nicht akkurat.
Bei der Umsetzung der EU-Wiederherstellungsverordnung der Natur müssen wir darauf achten, dass die Maßnahmen der Realität entsprechen und nicht die Rohstoffversorgung gefährden. Es gibt ausreichend nachhaltiges Holz, wenn der Wald weiterhin richtig bewirtschaftet wird.
Das nationale Abfallwirtschaftsgesetz ist unglücklich geraten und zwingt uns beim Transport von Altholz ab einer gewissen Distanz auf die Schiene. Das ist gut gemeint, aber mangels Infrastruktur nicht umsetzbar. Anfragen für Transporte bei der Bahn werden regelmäßig negativ beantwortet, führen jedoch zu unnötiger Bürokratie in den Unternehmen.
Schließlich wird die OIB-Richtlinie 7 künftig eine zentrale Rolle spielen, wenn es um nachhaltiges Bauen in Österreich geht. Die Anwendung von Lebenszykluskostenmethoden unter Berücksichtigung von CO2-Kosten würde den Markt mit großem Hebel ausbauen und könnte als Vorbild für die Dekarbonisierung des Gebäudesektors wirken. Sie kann ein Katalysator für den großvolumigen Wohnbau sein. Wenn diese Regeln praxistauglich umgesetzt werden und verlässliche ökologische Daten zur Verfügung stehen, eröffnet das Chancen für klimafreundliche Baustoffe. Besonders Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen können hier ihre Vorteile ausspielen, weil sie in der Regel eine deutlich bessere Klimabilanz über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes haben. Eine solche ganzheitliche Betrachtung schafft einen transparenten Vergleich zwischen Materialien und eröffnet zusätzliche Chancen für klimafreundliche Bauweisen wie den Holzbau. Die Liste lässt sich lange fortsetzen: Anwendung der RED III, EU-Bioökonomiestrategie, Umsetzung der EU-Bauprodukteverordnung etc.
Sie kritisieren häufig die EU-Regulierung, etwa bei der Entwaldungsverordnung. Kritiker entgegnen, dass die Industrie beim Thema Nachhaltigkeit zu oft bremst. Wie reagieren Sie auf diesen Vorwurf?
Diesen Vorwurf weise ich klar zurück. Bei unserer Kritik an der EUDR ging es um die Überbürokratisierung und die überbordende Komplexität der Verordnung. Wir bremsen nicht bei der Nachhaltigkeit, wir drängen darauf, dass Regeln klar, verständlich und praxisnah sind. Die meisten Unternehmen sind mittelständische Familienbetriebe. Die Eigentümerfamilie führt das Geschäft, oft ohne eigene Rechtsabteilung oder Regulatory Office. Unsere Leute wollen und müssen sich auf das Kerngeschäft konzentrieren. Endlose EU-Papiere zu lesen und Zettel auszufüllen, gehört nicht dazu. Die EU vergisst zu oft, dass die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen das Rückgrat der europäischen Wirtschaft sind. Wir erinnern Brüssel regelmäßig daran.
Die Baukonjunktur ist derzeit schwach. Wie stark spürt die Holzindustrie diesen Einbruch tatsächlich – und gibt es bereits Betriebe, die ernsthaft unter Druck geraten?
Die Krise ist in den Bilanzen der Mitglieder angekommen. Im Vergleich zu 2022 haben wir rund 20 % weniger abgesetzte Produktion und etwa 10 % weniger Mitarbeiter. Trotz der anhaltenden Schwäche der Bauwirtschaft und der verhaltenen Konjunkturprognosen gibt es in der Holzindustrie jedoch keine Schwarzmalerei. Die Hoffnungen liegen besonders im Holzbau. Hier ist die Auftragslage vergleichsweise stabil, und die Produktion von Holzbauelementen zeigt erste Erholungstendenzen. Aber die höchsten Lohnstückkosten in Europa lassen den Standort Österreich nicht gerade attraktiver werden.
Wie stark belasten Energiepreise und Netzkosten die Branche aktuell – und sehen Sie hier ausreichende Unterstützung durch die Politik?
Energie ist ein wesentlicher Faktor in der Industrie. In der Holzindustrie selbst sind wir gut aufgestellt. Viele Betriebe nutzen Biomasse aus Produktionsrückständen für Kraft-Wärme-Kopplung und versorgen oft auch die Umgebung des Werksgeländes mit Wärme und Strom. Auf vielen Hallendächern sind zudem Solarpaneele installiert.
Wir spüren jedoch die Kostensteigerungen bei unseren Zulieferern und auch in der Logistik. Zudem erschweren hohe Energiekosten Investitionen der Verbraucher. Die Politik sollte sehr darauf achten, dass Energiepreise die Wirtschaft und Verbraucher nicht noch stärker belasten. Jede Preissteigerung ist Gift für die Konjunktur. Die Politik hat das verstanden und mit der jüngsten Industriestrategie Maßnahmen wie einen Industriestrompreis angekündigt. Nun muss aber auch gehandelt werden.
Der Wettbewerb im Holzmarkt ist global geworden. Auch osteuropäische Produzenten drängen stärker auf den Markt – oft mit niedrigeren Produktionskosten. Wo liegt der Wettbewerbsvorteil der österreichischen Betriebe?
Dort, wo andere günstiger sind, sind wir besser. Wir stehen für Kompetenz und Innovationsgeist. Unsere Branche ist sehr effizient und verfügt über eine umfangreiche Wertschöpfungstiefe. Die Produkte unserer Unternehmen werden in Europa und weltweit geschätzt. Unsere Kunden vertrauen auf die Qualität aus Österreich. Das bedeutet aber auch, dass wir uns ständig verbessern und als Interessenvertretung für bessere Rahmenbedingungen einsetzen müssen.
Die Nachfrage nach Holz als klimafreundlicher Baustoff steigt. Besteht die Gefahr, dass der Rohstoff knapp wird und kann die Holzindustrie wirklich gleichzeitig mehr Holz verwenden und den Wald langfristig schützen?
Diese Gefahr sehe ich nicht. Erstens, weil wir jetzt klug handeln, und zweitens, weil die Holzvorräte in Österreich seit den 1960er-Jahren von 780 Mio. auf 1,17 Mrd. fm angestiegen sind. Wir haben große Reserven, die wir nutzen sollten, bevor der Klimawandel stärker zuschlägt. Wir unterstützen Forschung und Entwicklung, um auch nicht sägefähige Hölzer und Sägenebenprodukte im Baubereich einsetzen zu können. Zudem finanzieren wir Projekte, um die stoffliche Nutzung von Bauprodukten aus Holz zu verlängern, damit Kohlenstoff länger gespeichert bleibt und Ressourcen geschont werden. Die Rohstoffversorgung bleibt eine grundlegend wichtige und anspruchsvolle Aufgabe für unsere Industrie. Aber wir verfügen über große Reserven in den Wäldern und optimieren kontinuierlich die Rohstoff- und Materialverwendung.
Welche Ziele haben Sie sich als neuer Obmann gesetzt und wo sehen Sie die Holzindustrie in fünf bis zehn Jahren?
Ich will als Obmann der erste Interessenvertreter für unsere rund 1300 Mitgliedsbetriebe sein. Holz hat großes Potenzial für eine selbstbestimmte und souveräne Wirtschaft in Österreich und Europa – dafür will ich werben. Die Holzindustrie ist eine tragende Säule der österreichischen Wirtschaft und weltweit führend in der Herstellung innovativer Produkte. Das ist sie heute, und so soll es auch bleiben.
Wenn Sie einen Wunsch an die Politik frei hätten: Was wäre eine Maßnahme, die der Holzindustrie am meisten helfen würde?
Keine Förderung, keine Subvention, sondern Anerkennung: Unsere Produkte lagern Kohlenstoff ein und verhindern damit CO2-Emissionen. Davon profitiert das ganze Land und das sollte entsprechend honoriert werden.
Zur Person
Dr. Erlfried Taurer ist Vorstandsvorsitzender der Constantia Industries AG, zu der unter anderem das Unternehmen Fundermax als Hersteller von Holzwerkstoffen gehört. Seit 2015 ist er Sprecher der österreichischen Plattenindustrie. Zwischen 2015 und 2025 war er als Obmann-Stellvertreter aktiv. Nach einer technischen Ausbildung studierte Taurer Betriebswirtschaft an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt.