Mit der Natur im Reinen

Ein Artikel von Birgit Gruber | 13.02.2020 - 15:09
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Architekt Martin Gruber © Martin Gruber

Naturverbunden, ursprünglich, idyllisch. So präsentiert sich Gsies in Südtirol seinen Urlaubern. Das sehr ländlich gebliebene Tal, das bei Welsberg im Pustertal abzweigt und sich bis an die Grenze zum österreichischen Defereggental hinzieht, bietet das ganze Jahr über eine bezaubernd malerische Naturlandschaft – perfekt, um sich zu erholen und zu entspannen. Der Respekt vor der Natur und die bäuerliche Tradition werden auch bei Martin und Iris Steger großgeschrieben. Mit ihren Söhnen Jonas und Paul führen sie den Blaslahof, einen traditionsreichen Familienbetrieb, dessen Ursprünge auf das 17. Jahrhundert zurückgehen. Mit ihrem Wunsch, aus dem Feriendomizil etwas ganz Besonderes zu machen, wandten sie sich an Architekt Martin Gruber aus Brixen. Dieser verfolgte einen sehr pragmatischen Ansatz, der perfekt zu den Stegers passte: „Architektur ist für mich nach wie vor eine radikal reduzierte Sprache, um komplexe Zusammenhänge und gesellschaftliche Fragen antizipativ zu beantworten. Dies muss sehr vorausschauend passieren, um dem Bauwerk für mehrere Generationen Gültigkeit zu verleihen, so wie es den Alten auch gelungen ist. Architektur ist nicht Design und schon gar nicht Mode. Als Architekt sehe ich mich zwischen Analyse und Synthese – ein Katalysator der den funktionalen Vorstellungen des Bauherrn eine Form verleiht“, erklärt Gruber.

Architektur ist nicht Design und schon gar nicht Mode. Als Architekt sehe ich mich zwischen Analyse und Synthese – ein Katalysator, der den funktionalen Vorstellungen des Bauherrn eine Form verleiht.

Architekt Martin Gruber

Gut Ding braucht Weile

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© Michele Cattaneo

Es dauerte jedoch eine Weile, bis die Erweiterungspläne zu einer endgültigen Umsetzungsreife gelangten. „Wir haben selbst einfach noch Zeit gebraucht, um wichtige Entscheidungen gegen aktuelle Trends zu fällen“, geben die Bauherren zu. In dieser Phase hat sie der Stratege und „Tiftla“ Armin Strickner, der unter anderem touristische Bauprojekte und die Umsetzungsideen der Bauherren noch vor Planung prüft, unterstützt. „Unsere Anforderungen waren sicher nicht einfach“, gibt Martin Steger zu. „Wichtig war uns vor allem, die Tradition, Ursprünglichkeit und Einfachheit zu erhalten und dennoch ein Projekt für die Urlaubsansprüche von morgen zu bauen.” Oberste Prämisse waren dabei die Verwendung von einheimischen Materialien und das Einbeziehen ortskundiger Unternehmen. So war von Beginn an klar, dass die Erweiterung des Hofes in reiner Holzbauweise durchgeführt werden sollte.

Nur leim- und metallfreies Holz

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Das Holzbausystem besteht aus mehreren Lagen, wobei eine Gratleiste mit Kanten in Schwalbenschwanzform den Kern der patentierten Bauart bildet. Die Holzelemente müssen nur ineinander verkeilt werden. © Martin Gruber

Den beiden Hofbesitzern und Ferienwohnungsbetreibern war eine gesunde Bauweise mit einer Baukonstruktion ganz ohne Leim und Metall wichtig. Das Holzbausystem des Südtiroler Unternehmen
holzius schien ideal. „Uns überzeugte die leimfreie Vollholzkonstruktion der werksseitig vorgefertigten Wand-, Decken- und Dachelemente, die nur verkeilt werden“, erzählt Iris Steger. Das spezielle Holzbausystem besteht aus mehreren Lagen, wobei eine Gratleiste mit Kanten in Schwalbenschwanzform den Kern der patentierten Bauart bildet. Dadurch wird laut Hersteller Formstabilität garantiert und dauerhafte Luftdichtheit möglich, ohne dass zusätzliche Folien benötigt werden. „Wir wollen gesunde Wohnräume schaffen und intakte Lebensräume erhalten“, erklärt holzius-Gründer Herbert Niederfriniger. Jedes Element für die Blaslahof-Erweiterung wurde aus heimischen Bäumen gefertigt. Dafür verarbeitete der „Lettner“ – der ursprünglich ortsansässige Wandersäger – die vorbereiteten Holzstämme aus dem Gsiesertal genau nach den Maßlisten zu Schnittholz. „Die Liebe zum Massivholz sieht der Gast an allen Ecken. Bei unseren neuen Chalets gibt es zum Beispiel keine Spanplattenküche wie sonst überall“, freut sich Iris Steger, womit sich die einzelnen Räumlichkeiten bodenständig, geradlinig, nahezu schlicht und trotzdem sehr edel präsentieren. Eine Rezeption sucht man im Blaslahof vergeblich. Architekt Gruber dazu: „Der Zusammenhalt zwischen den eigenständigen Wohneinheiten funktioniert über sogenannte Brückenräume. Es gibt keine Rezeption, dafür steht ein quadratischer Bauerntisch im offenen Raum hinter der Haustür, wo man sich einfach dazusetzt, um den Aufenthalt zu besprechen.“

Das Holzbau-Triumvirat

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Der Wellnessbereich des Zubaus lädt zum Relaxen ein. © Michele Cattaneo

Federführend hat das Holzbau- und Generalunternehmen HOKU aus Toblach den Gesamtauftrag übernommen und das Bauvorhaben in nur sieben Monaten fix und fertig umgesetzt. „Das Wetter hat leider nicht mitgespielt und uns noch im März einen ordentlichen Strich durch die Rechnung gemacht“, weiß Geschäftsführer Horst Taschler, der jedoch Wetterkapriolen am Bau gewohnt ist. „Zu unseren Vorzeigeprojekten zählt die Schwarzensteinhütte im Ahrntal, die wir auf 3300 m Seehöhe bei Windspitzen mit bis zu 200 km/h errichtet haben“, ist Taschler stolz. Bei der Blaslahof-Erweiterung lobt Taschler ein perfektes Zusammenspiel des Triumvirates Bauherr, Architekt und Holzbau-Meister, das für eine super Stimmung am Bau sorgte. „Wir hatten selten so einfache, unkomplizierte und tolle Bauherren. Als Dankeschön hat uns die Familie eine wunderbare Firstfeier organisiert“, erinnert sich Taschler gerne zurück. Endergebnis sind ineinander verschachtelt wirkende Chalets, die oberhalb der eigentlichen Ortschaft fast schon ein kleines, eigenes Dorf bilden.

Fassade in Lärche, Wände in Fichte

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Eine Skizze des Architekten Martin Gruber macht den Dorfcharakter der Erweiterung sichtbar. © Martin Gruber

Während die komplette Fassade in Lärche gehalten ist, wurden im Innenbereich die Wände mit Stärken von 120 mm nicht verkleidet und das eingesetzte Fichtenholz wurde unbehandelt in Sicht belassen. Unebenheiten, Farbabweichungen oder kleinere „Fehler“, wie herausgebrochene Äste, waren sogar erwünscht. „Das macht das Ganze authentisch und echt“, wie Iris Steger meint. Diese natürliche Optik schafft es gemeinsam mit dem vertrauten Holzgeruch, den Wald in die neuen Wohnmöglichkeiten zu holen. Zugleich verleiht das Fichtenholz dem Haus ausgezeichnete klimatische Bedingungen. Im Sommer ist es in den Räumen angenehm kühl und im Winter herrscht ein warmes wohliges Stubenklima, das lange anhält.

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© Martin Gruber

„Der bei uns großflächig vorhandene Baustoff Holz drückt wie kein anderer eine Art bäuerliche Einfachheit einer ganzen Region aus. Zugleich sorgt er für ein gesundes Wohnklima und schafft eine unmittelbare Nähe zur Natur. Somit haben wir jene Werte eingehalten, die bei diesem Bauprojekt an oberster Stelle standen“, bestätigt Hausherr Martin Steger. Die nachhaltige Bauweise sei eine ganz bewusste Entscheidung der gesamten Familie gewesen. „Wir konnten mittels wiederverwertbarer, natürlicher Materialien und somit mit gutem Gewissen unser Traumprojekt verwirklichen, gerade auch für unsere Kinder. Das lag uns ganz besonders am Herzen“, betonen die Bauherren.

Projektdaten

Standort: Gsies in Südtirol
Fertigstellung: Juni 2019
Bauzeit inkl. Planung: 2015-2019
Bauherren: Martin und Iris Steger
Architektur: Martin Gruber, Armin Strickner
Generalplanung: HOKU Holzbau
Holzbausystem: holzius
Nettowohnfläche in den Holzhäusern: 600 m²
Vollholzelemente gesamt: 245 m3