Ein Fels von einem Holzmassivbau

Ein Artikel von Kathrin Lanz | 09.03.2020 - 15:08
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Am Rande des Hallstätter Gletschers haftet die Seethalerhütte am Fels. In einem derart zerklüfteten Gelände muss jeder Schritt sitzen – auch beim Bauen. © PREFA/Croce & Wir

Am Grenzverlauf zwischen Steiermark und Oberösterreich fügt sich seit vergangenem Jahr eine neue Schutzhütte in das steinige Gelände ein. Nur wenige Meter neben der Konstruktion fällt die Dachsteinsüdwand 1000 m senkrecht ab. Ein perfekter Bauplatz also? „Nur, wer die entsprechende Bergaffinität mitbringt, sollte ein solches Projekt annehmen“, erzählt Dr. Gerhard Steger, Geschäftsführer von Steger Bautauf mit Sitz im Oberpinzgau. Ansonsten erfahre man mehr „Leiden als Lust.“ Bauunterbrechungen, wo Nebel den Transport von Material verhinderte, dauerten bis zu vier Wochen. „Dann herrschte wieder strahlender Sonnenschein, nur erlaubte die Thermik keine Hubschrauberflüge.“ Solcherlei unvorhersehbare Ereignisse und die rauen Arbeitsbedingungen am Berg machten das Projekt für die Mitarbeiter von Steger zur Herausforderung. „Da braucht man Leute, die das Projekt tragen.“ Die hatte er offensichtlich. Denn im Januar öffnete der neue Alpinbau in strahlendem Glanz offiziell.

Vom Unterstand zum Alpinjuwel

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Thomas Heil und Stephan Hoinkes (v. li.), dreiplus Architekten © dreiplus

Dazu gibt es eine Vorgeschichte: Die Seethalerhütte galt seit jeher als wichtiger Stützpunkt für Bergsteiger und Kletterer. „Bei der Bestandshütte handelte es sich allerdings mehr um einen Unterstand als ein Schutzhaus“, beschreibt Stephan Hoinkes von dreiplus Architekten den Bestand. 2014 brach die Hütte beinahe in sich zusammen, was dringend einen Neubau erforderte. Als Siegerprojekt wurde der Entwurf von dreiplus mit Stephan Hoinkes und Thomas Heil auserkoren. Dieser überzeugte in Sachen Funktionalität, Ökologie und Optik gleichermaßen. Bei Graupelschauer und +3°C Grad ging im Juli 2017 der Spatenstich für den Ersatzbau – vom Bestand versetzt – vonstatten. Allerdings handelte es sich um einen symbolischen Spatenstich – denn, wo auch sollte man den Spaten ansetzen, bestimmt Gestein den Bauplatz, so weit das Auge reicht.

Hubschraubertransport erforderte hohe Konzentration

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Wie bei traditionellen Hütten üblich, verfügt auch die Seethalerhütte über ein Stubengeschoss. Darüber und darunter befinden sich die Lager- bzw. Zimmergeschosse. © dreiplus

Von Wetterkapriolen gebeutelt, war der erste Hubschrauberflug für den Holzbau erst im Juni 2018 möglich. Das bedeutete den Startschuss für die Holzbauarbeiten. Dabei waren die im Tal gefertigten BSP-Elemente bis zu 10 m lang, 2,70 m breit und bis zu 1,5 t schwer. Teile mit solchen Dimensionen und Gewicht zu transportieren, brachte auch den Hubschrauberpiloten an seine Grenzen und forderte von den Arbeitern am Boden höchste Konzentration. Unberechenbare Höhenwinde, die speziell im Bereich der Südwand des Dachsteins auftreten, mussten dabei berücksichtigt werden. An den vorgefertigten Elementen wurde vor Ort nur noch die Holzfaserdämmung angebracht und die Fassade aus steingrauen Aluschindelplatten verschraubt. Pro Platte waren neun Verankerungen notwendig, um den Starkwinden am exponierten Hüttenstandort standzuhalten.

Durchwegs ehrlicher Bau

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Höhe, Wetter und Logistik:  drei Komponenten, die das Alpinprojekt spannend machten. © PREFA/Croce & Wir

Das Ergebnis ist ein zeitgemäßer Bau, der aus einem betonierten Technikbereich im Untergeschoss sowie überirdisch aus einem vorgefertigten Brettsperrholz-Bau mit Schlafplätzen für bis zur 22 Personen besteht. Wäre das Projekt konventionell realisierbar gewesen? „Nein, wäre es nicht“, antwortet Hoinkes ganz spontan und fügt hinzu: „Der hohe Vorfertigungsgrad sowie die Geschwindigkeit der Montage kamen dem Bauvorhaben sehr entgegen. Was jetzt dasteht, ist ein durchwegs ehrlicher Bau.“ Das meint er in Hinblick auf den ökologischen Aspekt und die architektonische Umsetzung. „Mit Steildach sowie traditionellem Stuben-, Zimmer- und Lagergeschoss entspricht die Konstruktion für mich absolut der Hüttentypologie“, bekräftigt Hoinkes. „Der First ist halt etwas verschoben. Das gründet aber auf der Überlegung, den optimalen Ertrag der Sonne zu erlangen.“ Zudem sind die Fassadenflächen leicht geknickt. Das hat einerseits optische Gründe, die darauf gründen, dass sie sich nach oben hin verjüngen wie ein Berg. Zum anderen gibt es einen praktischen Grund: Umlaufend fängt eine Rinne das Regenwasser auf, das aufbereitet von den Hüttenbewohnern konsumiert wird. Quelle gibt es ja keine. Integrierte Photovoltaikpaneele versorgen die Hütte mit Strom. Der Fußabdruck wurde so gering als möglich gehalten und der ökologische rundum bedacht. Und trotzdem: „Der Naturschutz war sehr herausfordernd. Verblüffend war, sobald man am Berg baut, reden viele mit. Wenn man dagegen eine Einkaufshalle an die nächste reiht, ist es jedem egal“, wundern sich die beiden Architekten Heil und Hoinkes. „Das war uns nicht bewusst.“

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Der verschobene First sorgt für optimale Sonneneinstrahlung und die leicht geknickten Fassaden helfen, das Regenwasser zu sammeln. © dreiplus

Sobald man am Berg baut, reden viele mit. Wenn man dagegen eine Einkaufshalle an die nächste reiht, ist es jedem egal.

Thomas Heil und Stephan Hoinkes, dreiplus Architekten
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Die Errichtung der Seethalerhütte war ein teils beschwerliches Unterfangen. Was bleibt, ist ein Fels von einem Massivholzbau. © PREFA/Croce & Wir

Ein solches außergewöhnliches Projekt funktioniert augenscheinlich nur, wenn die Ausführenden das Vorhaben mittragen. Das war hier der Fall: „Bei der Seethalerhütte handelte es sich um ein durchwegs gelungenes Projekt.“ Diesen Verdienst schreibt Hoinkes maßgeblich den Handwerkern zu.  Was bleibt, ist ein Fels von einem Massivholzbau.

Projektdaten

Standort: am Fuße des Dachsteins
Fertigstellung: 2019
Architektur: dreiplus Architekten
Holzbau: Steger Bautauf
Holzmenge: 140 m3
Nutzfläche: 350 m2
Systemlieferant: Binderholz
Verkleidung: PREFA