Die Zukunft heißt Växjö

Ein Artikel von Birgit Gruber | 16.01.2023 - 07:39

Växjö ist das Verwaltungs-, Kultur- und Industriezentrum der Provinz Kronoberg in Südschweden. Die Universitätsstadt liegt in der historischen Provinz Småland und hat sich 1991 zum Ziel gesetzt, die erste Stadt der Welt zu sein, die bis spätestens 2050 vollkommen frei von fossilen Energien sein wird. Eine auf Gemeindeebene umgesetzte Holzbaustrategie forciert die verstärkte Nutzung von Holz. Bis 2020 sollten mindestens 50 % der kommunalen Neubauten auf Holz basieren. Das Ergebnis lag 2016 bereits bei erfreulichen 67 %. Die CO2-Emission pro Einwohner entspricht schon jetzt einer der niedrigsten in Europa. Växjö gilt inoffiziell als die „grünste Stadt Europas“ und trägt nebenbei auch die Bezeichnung „Holzstadt“. Seit jeher verfolgen die obersten politischen Entscheidungsträger der Stadt eine klare Linie und engagieren sich leidenschaftlich für Umwelt- und Klimafragen. Aus dieser Perspektive erscheint es naheliegend, dass im Jahr 2016 den Wettbewerb für das neue Bahnhofsgebäude und Rathaus ein Entwurf von White Arkitekter aus Göteborg gewonnen hat, welcher hauptsächlich den Baustoff Holz vorsah.

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Auch nachts signalisiert das Gebäude durch die warmgelbe Fassadenbeleuchtung seine wichtige Funktion als Treffpunkt. © Felix Gerlach

Das neue Gebäude ist in der lokalen Tradition verwurzelt und für den Ort gemacht.

Klara Frosterud, White Arkitekter
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Das Gebäude umfasst haupts.chlich drei Nutzungen: den Bahnhof, das Rathaus und eine Holzstruktur mit öffentlichen Räumen, die von den Architekten als „Wohnzimmer“ bezeichnet wird. Diese Struktur verbindet sowohl die beiden anderen Nutzungen miteinander als auch das gesamte Bauvolumen mit der Stadt. © Felix Gerlach

Die Identität von Växjö spiegelt sich nicht nur in der Materialwahl des Projekts wider, sondern auch in den nachhaltigen technischen Lösungen. Laut der Projektverantwortlichen, Klara Frosterud, ist dabei das wesentlichste Ziel gewesen, die höchste schwedische Umweltzertifizierung zu erreichen – das Environmental Building Gold des Sweden Green Building Council. „Der Sweden Green Building Council ist Schwedens führende Mitgliederorganisation für nachhaltiges Bauen. Durch Zertifizierung, Bildung und Lobbyarbeit setzt man sich dort für eine Gesellschaft ein, die sowohl den Menschen als auch der Umwelt zugutekommt. Wir haben Experten, Unternehmen und Organisationen aus dem ganzen Land, die alle an den gleichen Zielen arbeiten“, weiß Frosterud. White Arkitekter haben den Architekturwettbewerb gewonnen und die Programmunterlagen erstellt, die Projektplanung für das ausführende Bauunternehmen Skanska hat das europaweit tätige Architektur- und Ingenieurbüro Sweco übernommen. Als Bauträger trat Vöfab auf, die stadteigene Immobiliengesellschaft, die Schulen, Büros sowie Kultur- und Sporteinrichtungen in Växjö besitzt und verwaltet. Systemlieferant für das Leuchtturmprojekt war binderholz aus Fügen.

Ein „Wohnzimmer“ für Växjö

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Klara Frosterud, White Arkitekter © ANDERS BOBERT

Bereits 2014 begann die Stadt Växjö, den Bau eines neuen Rathauses zu prüfen. Das alte Rathaus hatte das Ende seiner Lebensdauer erreicht und im Laufe der Jahre erhebliche Schäden erlitten. Gleichzeitig bestand ein großer Bedarf an einem neuen Bahnhofsgebäude, das den künftigen Bedürfnissen der Reisenden gerecht werden kann. „Ein Gebäude mit diesen Dimensionen wurde in Schweden zuvor noch nie errichtet. Neben dem Bahnhof und dem Rathaus soll das Gebäude noch eine dritte Funktion erfüllen: Es soll nämlich als offener Treffpunkt für alle Einwohner der Gemeinde fungieren. Das multifunktionale Haus sollte quasi zum Wohnzimmer von Växjö werden“, erzählt Niklas Kummer von Sweco. 

Wir glauben, dass Holzgebäude in allen Bereichen die Zukunft sind. Die moderne Bautechnik macht es möglich, auch große öffentliche Gebäude in Holz zu bauen. Darüber hinaus gibt es keinen dauerhafteren Baustoff als Holz.

Niklas Kummer, Sweco

Alles unter einem Dach

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Niklas Kummer, Sweco

Der Siegerentwurf von White Arkitekter bestand aus einem einzigartigen Konzept mit einem Holzrahmen und einer doppelt verglasten Fassade. Der Name des Wettbewerbsvorschlags lautete „Unter einem Dach“ und enthielt eine klare Form, die zusammen mit dem Dom zu Växjö eine neue Silhouette in der Stadt bildet. „Leider konnte die Doppelglasfassade nicht realisiert werden. Sweco entwickelte dann das Konzept einer schrägen Designglasfassade. Neben dem Holzrahmen ist die Gebäudehülle zum identitätsstiftenden Element des Hauses geworden“, berichtet Frosterud. Bereits bei der Planung teilte man das Großprojekt in drei Bauabschnitte: Das Bahnhofsgebäude mit 1850 m2, das Rathausgebäude mit 13.770 m2 und einen allgemeinen Platz als Treffpunkt mit 780 m2. 2018 begannen die Bauarbeiten. Der 16.400 m2 große Holzbau ist seit seiner Eröffnung im September 2021 neuer Mittelpunkt im Zentrum der Stadt. Er ist Begegnungsstätte mit Fremdenverkehrsbüro, umfasst Ausstellungsbereiche, einem Warteraum, diverse Cafés und Geschäfte, Versammlungsräume für verschiedene Anlässe und einen modernen Arbeitsplatz für die städtischen Mitarbeiter.

Gebäude erfüllt hohe Anforderungen

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Die schrägen Fassaden erzeugen feines Licht für die Arbeitsplätze in den oberen Etage. © Felix Gerlach

Das neue Bahnhofs- und Rathausgebäude in Växjö trifft nicht nur den Zahn der Zeit, sondern würden laut der Projektverantwortlichen auch alle heutigen Anforderungen des schwedischen Parlaments erfüllen. „Der Bau- und Immobiliensektor ist für einen erheblichen Teil der heutigen Umwelt- und Klimaauswirkungen verantwortlich. Das schwedische Parlament hat deshalb beschlossen, dass Bauträger seit dem 1. Januar 2022 eine Klimaerklärung („Climate Impact Declaration“, Anm. d. Red.) für den Bau eines neuen Gebäudes erstellen und einreichen müssen. Ziel der neuen Vorschrift ist es, die Klimaauswirkungen durch nicht nachhaltige Baustoffe zu verringern“, berichtet Frosterud. Für die Einführung eines Registers mit geltenden Vorschriften, wurde von der schwedischen Regierung Boverket, die Behörde für Wohnungswesen, Bauwesen und Raumplanung, beauftragt. Frosterud ist sich zudem sicher, dass der Vorzeigebau ein gutes Beispiel für die Werte der europaweiten Initiative „New European Bauhaus“ sein kann. „Die Initiative hat drei wichtige Schwerpunkte: schön – nachhaltig – gemeinsam. Diese Werte vereinen wir in Växjö. Das neue Gebäude ist in der lokalen Tradition verwurzelt und für den Ort gemacht. Es hat das beste Nachhaltigkeitszertifikat Schwedens erhalten und fördert den Dialog zwischen Bürgern und Politikern und damit das demokratische Bewusstsein“, freut sich die Architektin.

Ein überdimensionales Zelt

Um den schwedischen Wetterbedingungen zu trotzen und keine Zeit zu verlieren, wurde die gesamte Baustelle unter einem 130 m langen, 43 m breiten und 40 m hohen, wetterfesten Zelt eingerichtet. Zwei Brückenkrane, die bis zu 25 t heben konnten, erledigten die Aufrichtarbeiten vor Ort. Die Größe der Abdeckung ermöglichte es außerdem, die Baustelle mit Lkw zu befahren und alle Materialien vollständig wettergeschützt abzuladen. Weiters fanden darunter zwei Portalkrane Platz, die jeweils eine maximale Last von 8 t bewegen konnten. Die gesamte Holzkonstruktion des Gebäudes ruht aufgrund des hohen Grundwasserspiegels auf einem Betonfundament. „Das Erdgeschoß wurde zudem als Hybrid mit Betonfertigteilstützen zusammen mit Stahlträgern ausgeführt. Darüber wurde sechsstöckig mit Holz aufgebaut“, informiert Sweco-Architekt Kummer. Die oberen Geschosse wurden in Skelettbauweise aus Brettschichtholz-Stützen und -Trägern sowie Brettsperrholz-Decken errichtet. Im untersten und obersten Geschoss kamen Fachwerke aus BSH zum Einsatz. Das Dach weist eine eindrucksvolle geschwungene Form auf und wurde mit 125 BSP-Elementen realisiert. „Insgesamt verwendete man 3100 m3 Brettsperrholz, 1100 m3 Brettschichtholz und Dreischicht-Massivholzplatten sowie Verbindungsmaterialien für den Bau des Gebäudes, just-in-time geliefert“, ist man bei binderholz stolz. Neben der Montage der kompletten Holzkonstruktion war das Unternehmen auch mit der Strukturberechnung und Implementierung der technischen Gebäudeleistung mittels 3D-Modells und Building Information Modeling (BIM) sowie der Produktionsmodellierung beauftragt. Zudem wurden auch die Verlade- und Montagepläne und die Berechnung der Verbindungsmaterialien umgesetzt. „Ein wichtiger Aspekt für die Identität des Gebäudes ist das Licht, das frei durch alle öffentlichen Bereiche fließt. Die Glasfassaden und das große Glasdach im vollflächigen Atrium lassen das Licht tief bis in den Kern des Gebäudes eindringen“, ist sich Kummer sicher.

Schwedens Kompetenzzentrum Holz

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© Felix Gerlach

Växjös neues „Wohnzimmer“ soll die Stadt endgültig zu Schwedens Kompetenzzentrum Holz machen. Die Ausgangssituation ist ohnehin ideal mit ihrer Lage mitten in den Wäldern Südschwedens, wo der Zuwachs an Holz dank des milderen Klimas besonders hoch ist. Die Region gehört zu den wichtigsten Waldgebieten. „Etwa 70 % der schwedischen Landfläche sind bewaldet, das sind insgesamt 28,5 Mio. ha. Umgerechnet beläuft sich diese Menge auf fast 3 ha Wald für jeden Schweden. Bauen mit Holz hat bei uns deshalb Tradition. Aufgrund des Klimawandels gibt es jetzt auch ein größeres Bewusstsein für den modernen Holzbau. Wir glauben, dass Holzgebäude in allen Bereichen die Zukunft sind. Die moderne Bautechnik macht es möglich, auch große öffentliche Gebäude in Holz zu bauen. Darüber hinaus gibt es kaum einen dauerhafteren Baustoff als Holz“, halten Frosterud und Kummer gemeinsam fest. Auch für die Zusammenarbeit von Universität und Industrie sind die Voraussetzungen in Växjö hervorragend. In der Umgebung der Stadt gibt es eine bemerkenswerte Ballung von Holz verarbeitenden Betrieben in allen Größenordnungen. „Ein klares Ziel der schwedischen Regierung ist es, diesen Industrien Impulse zur Produktentwicklung und Weiterentwicklung zu geben – als Basis für Wirtschaftswachstum und zur Entwicklung des Arbeitsmarktes“, wissen die Architekten. Die gewünschte Zusammenarbeit von Hochschule und Industrie spiegelt sich auch in den Bildungsangeboten der Linné-Universität (Linnaeus University) wider, mit einem eigenen Institut für Forstwirtschaft und Holztechnologie.

Projektdaten

Standort: Växjö, SE
Baubeginn: 2018
Fertigstellung: September 2021
Architektur: White Arkitekter (erster Entwurf); Sweco (Planung und endgültiger Entwurf), 
Systemlieferant und Statik Holzbau: binderholz
Holzbau: Skanska
Holzmenge: 3100 m3 BSP, 1100 m3 BSH