Homebase zwischen Silotürmen

Ein Artikel von Birgit Gruber | 16.06.2026 - 07:02
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Vier ehemalige Silotürme prägen das umgebaute Hofensemble in Schleedorf und wurden zu identitätsstiftenden Elementen eines neuen Wohnhauses transformiert. © Albrecht Imanuel Schnabel

Im Zentrum des Umbaus stehen vier ungenutzte Silotürme. Sie waren einst reine Zweckbauten, sind heute identitätsstiftende Architekturfragmente. Der holzbauaffine Architekt Tom Lechner aus Altenmarkt im Pongau entwickelte mit seinem Büro LP Architektur daraus ein Konzept, das den Bestand nicht nur erhält, sondern neu interpretiert. Ein Zusammenspiel von Rohheit und Präzision, von Erinnerung und zeitgemäßer Nutzung, von kühlem Beton und warmem Holzbau.

Im ländlichen Raum liegen vielerorts landwirtschaftliche Nutzbauten brach, deren ursprüngliche Funktion längst verloren gegangen ist. Der ehemalige Hof der siebenköpfigen Familie Wimmer in Schleedorf im wunderschönen Salzburger Land zeigt, welches Potenzial in der Transformation solcher Bestandsstrukturen steckt. Aus einer überholten Hofanlage entstand ein zeitgemäßer Wohn- und Lebensraum, der Bestand und neu Gebautes selbstverständlich miteinander verbindet. Ausgangspunkt des Projekts war eine bereits gewachsene Zusammenarbeit zwischen Architekt Tom Lechner und der Bauherrschaft. Einige Jahre zuvor hatte Lechner für die Wimmers im Ort eine alte Schneiderei umgebaut und mit Holz erweitert. „In dieser Zusammenarbeit haben wir uns einfach schätzen gelernt, vor allem zum Thema Qualität in der Baukultur“, erinnert sich Lechner. Dieses gegenseitige Vertrauen bildete die Grundlage für den späteren Umbau des Hofes.

Für die nächste Generation umbauen

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Neben der Umnutzung der Betonsilos entstand auch ein neuer Stall- und Wirtschaftstrakt, der die landwirtschaftliche Nutzung des Hofes zeitgemäß weiterführt. © Albrecht Imanuel Schnabel

Als der Wirtschaftstrakt durch Unwettereinflüsse beschädigt wurde und schließlich abgetragen werden musste, stand die Familie vor einer grundlegenden Entscheidung. Der Hof sollte nicht aufgegeben, sondern – ähnlich wie zuvor die Schneiderei – an die nächste Generation weitergegeben werden. Man wollte eine Art „Homebase“ erschaffen, in der die ganze Familie zusammenkommen kann. „So begaben wir uns auf die  Suche nach einem Gesamtkonzept“, erzählt Lechner. Damit stellte sich nicht nur die Frage nach einem neuen Stallgebäude, sondern auch nach dem Umgang mit den bestehenden vier Silotürmen. „Diese waren funktional längst überholt. Die klassische Silagewirtschaft spielt heute kaum mehr eine Rolle. Dennoch prägen gerade solche Bauwerke vielerorts die ländliche Umgebung und besitzen einen hohen, identitätsstiftenden Wert. Das sind so Zeitzeugen einer anonymen Alltagsarchitektur. Man würde so etwas heute nicht mehr bauen, aber genau das macht ihren Charakter aus“, erklärt Lechner. Der Entwurf zielte darauf ab, diese besondere Typologie in eine neue Nutzung zu überführen. 

Bevor jedoch ans Wohnen zu denken war, musste der Bestand grundlegend freigelegt werden. Der verwitterte Holzbau zwischen den Silos – einst einfache Zweckarchitektur zur Unterbringung von Maschinen und Geräten – wurde vollständig entfernt. Auch der alte Silokran in rund neun Metern Höhe, mit dem man früher Heu von oben in die Türme einbrachte, wurde sorgfältig demontiert. Die verbliebene Heutechnik verschenkte oder verkaufte man. 

Undichte Silos brachten Projekt fast zum Scheitern

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Die ehemaligen Silotürme übernehmen heute neue Funktionen – von Bädern über Rückzugsorte bis hin zu Bibliothek und Hauskapelle. © Albrecht Imanuel Schnabel

Alles verlief nach Plan, bis das Projekt eine unerwartete Wendung nahm. Ein Dichtheitstest mit Hochdruckwasserstrahlern zeigte, dass sämtliche Silotürme von Rissen durchzogen und über Jahre hinweg undicht geworden waren. „Die nur 15 cm starken Betonwände erwiesen sich weder konstruktiv noch bauphysikalisch als ausreichend. Wir wollten sie ursprünglich von außen sichtbar lassen und innen dämmen, haben dann aber schnell gemerkt, dass das so nicht funktioniert“, erinnert sich Lechner. Die Türme wurden daraufhin zunächst sandgestrahlt und von jahrzehntelangen Ablagerungen und Gestank befreit. Anschließend erhielten sie eine 15 cm starke Dämmschicht aus Hartschaum sowie eine zusätzliche äußere Hülle aus rund 20 cm starkem Stampfbeton, die den Bestand dauerhaft vor Witterung schützt. Die dabei entstandenen horizontalen Schichtungen zeichnen sich bis heute deutlich ab und verleihen dem Ensemble eine rohe, beinahe archaische Präsenz. Diese technische Notlösung entwickelte sich letztlich zu einer architektonischen Qualität. Die ursprünglichen Betonoberflächen blieben im Inneren sichtbar und prägen heute die Atmosphäre der Räume. „Im Nachhinein ist das fast spannender, weil man diesen Charakter jetzt im Innenraum ständig erlebt“, sagt Lechner. Die rohe Materialität, die Spuren der Herstellung und die unregelmäßigen Oberflächen verleihen den Räumen eine besondere Tiefe. „Jeder Quadratmeter schaut anders aus und es sind eigentlich überall kleine Kunstwerke.“

Zwischen den vier Silotürmen entstand ein präzise eingepasster Holzbau, der die einzelnen Zylinder zu einem zusammenhängenden Wohnhaus verbindet. Die gesamte Konstruktion wurde in enger Abstimmung mit dem Bestand entwickelt und vor Ort millimetergenau angepasst. Deckenplatten und Türöffnungen bestehen aus Fichten-Brettsperrholz, die Fassaden wurden als Holzriegelkonstruktion mit einer Verkleidung aus Lärche ausgeführt. Auch Fenster und Türen sind aus Lärchenholz gefertigt. Konstruktiv wurde das neue Gebäude bewusst unabhängig vom Bestand organisiert. Ein eigenständiges Tragwerk aus Stahl und Brettsperrholz bildet die innere Struktur. „Die Türme tragen sich nur selbst, alles andere steht unabhängig davon“, erklärt Lechner. Diese Trennung bleibt auch räumlich sichtbar: Fugen zwischen Alt und Neu machen die unterschiedlichen Systeme bewusst ablesbar.

Beton bringt Robustheit, Holz Wärme

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Holz und Sichtbeton bestimmen das Raumgefühl: Der Beton sorgt für Robustheit, das Holz bringt Wärme in die Wohnbereiche. © Albrecht Imanuel Schnabel

Im Erdgeschoß befindet sich eine großzügige Multifunktionsfläche, die dem Hof als sozialer Raum dient – für Zusammenkünfte, kleinere Veranstaltungen oder gemeinschaftliche Nutzung. In den oberen Geschoßen befinden sich die privaten Wohnräume. Dort dominieren sichtbare Holzoberflächen und massive Schiffsböden aus gebürsteter Weißtanne. Die Kombination aus Beton und Holz folgt dabei nicht nur konstruktiven Überlegungen, sondern auch einem atmosphärischen Ansatz. „Diese Kombination ist wunderbar. Beton bringt Robustheit, Holz bringt Wärme“, ergänzt Lechner. Gerade im Zusammenspiel entsteht eine ausgewogene Balance zwischen Rohheit und Wohnlichkeit.

Silotürme übernehmen diverse Funktionen

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Im Erdgeschoß entstand ein offener Gemeinschaftsbereich für Zusammenkünfte und gemeinsame Nutzung der Familie. © Albrecht Imanuel Schnabel

Die Silotürme übernehmen unterschiedliche Funktionen innerhalb des Hauses. Einer dient als vertikale Erschließung mit Treppe, andere beherbergen Bäder, Nebenräume oder Rückzugsorte. Selbst eine kleine Bibliothek und eine Hauskapelle wurden integriert. Der Umgang mit der bestehenden Substanz blieb dabei bewusst pragmatisch: „Wir haben Öffnungen dort gemacht, wo wir sie gebraucht haben, und andere wieder geschlossen.“ Die Wendeltreppe im Nordost-Silo sei in der Konstruktion aufwändig gewesen, wie Lechner berichtet. Da der bestehende Beton statisch nicht zusätzlich belastet werden durfte, musste die gesamte Treppe als freitragende Konstruktion entwickelt werden. „Wir haben lange überlegt und herumexperimentiert“, erzählt Lechner. Die Lösung fand sich schließlich in einem überraschend einfachen Bauteil. Handelsübliche Kanalrohre wurden übereinander gesetzt und im Inneren mit Beton ausgegossen. Sie bilden nun die tragende Spindel der Treppe. Besondere Aufmerksamkeit galt auch der Frage, ob die runden Grundrisse im Alltag funktionieren. „Das war am Anfang die große Unsicherheit“, gibt Lechner zu. „Aber es hat sich genau das Gegenteil erwiesen. Die Rundungen sind kein Problem, sondern ein Mehrwert.“ Da in den Türmen vor allem Nebenfunktionen untergebracht sind, ergeben sich kaum Einschränkungen in der Nutzung. Vielmehr entstehen räumliche Situationen, die in konventionellen Grundrissen nicht möglich wären.

Innen: Hell, man glaubt es kaum!

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Sichtbare Holzoberflächen aus Fichten-Brettsperrholz und massive Schiffsböden aus gebürsteter Weißtanne prägen die Wohnräume und setzen einen warmen Kontrast zu den rohen Betonflächen der ehemaligen Silotürme. © Albrecht Imanuel Schnabel

Ein weiteres zentrales Thema war die Atmosphäre im Inneren. Da die Türme selbst keine Fenster besitzen, wurde im Vorfeld häufig eine dunkle Raumwirkung befürchtet. „Jeder hat geglaubt, das wird finster. Aber das stimmt überhaupt nicht und das Gegenteil ist der Fall“, so Lechner. Durch gezielte Öffnungen in den verbindenden Bauteilen und eine offene Organisation der Hauptbereiche entstehen helle, durchlässige Räume.

Der Planungs- und Bauprozess erstreckte sich über mehrere Jahre. Erste Überlegungen begannen 2021, gefolgt von Phasen der Weiterentwicklung und schließlich einer rund einjährigen Bauzeit. „Wir haben das nicht auf Vollgas durchgezogen, sondern uns bewusst Zeit genommen, weil bei so einem Projekt immer Überraschungen kommen“, erklärt Lechner. Diese Offenheit im Prozess erwies sich als entscheidend für die Qualität des Ergebnisses. Das fertige Gebäude bleibt nach außen hin bewusst zurückhaltend. „Wenn das Holz einmal verwittert ist, soll man nicht sofort erkennen, dass da jemand wohnt“, beschreibt Lechner die gestalterische Intention. Erst im Inneren entfaltet sich die räumliche Komplexität und Qualität des Umbaus. Einzig ein auskragender Balkon im obersten Geschoß setzt einen klaren, zeitgenössischen Akzent.

Im größeren Kontext verweist das Projekt auf grundlegende Fragen des Bauens im ländlichen Raum. Für Lechner ist das klassische Einfamilienhaus zwar tief verankert, aber nicht mehr zukunftsfähig: „Vom Ressourcen- und Energiegedanken her ist diese Bauform eigentlich obsolet.“ Gleichzeitig sieht er großes Potenzial im Weiterbauen des Bestands. „Ich behaupte, dass der Großteil dessen, was wir in Zukunft brauchen, eigentlich schon gebaut ist. Wir müssen es nur richtig nutzen.“ Das Projekt in Schleedorf zeigt exemplarisch, wie sich bestehende landwirtschaftliche Strukturen durch behutsame Transformation in zeitgemäße Wohnräume überführen lassen. Zwischen Erhalt und Weiterbauen entsteht eine Architektur, die den Bestand nicht nur respektiert, sondern seine räumlichen und atmosphärischen Qualitäten gezielt weiterdenkt.

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Der ergänzte Stallbau fügt sich in das Gesamtkonzept des Hofumbaus ein und verbindet zeitgemäße Landwirtschaft mit dem Erhalt der Bestandsstruktur. © Albrecht Imanuel Schnabel

Projektdaten

Standort: Schleedorf, Salzburg
Bauherrschaft: Monika und Stefan Wimmer
Planungsbeginn: Mai 2021
Baubeginn: Mai 2024
Fertigstellung: November 2025
Architektur: LP architektur
Holzbau: Zimmerei Hutterer (Silotürme); Ebster Holzbau (Stallgebäude)
Tragwerksplanung / Statik: Gruber ZT
Bauphysik: Ing. Rothbacher
Verbaute Holzarten: Konstruktion in Fichte; Fassade in Lärche sägerau
BGF Silotürme und Stallgebäude: 858 m²
Nutzfläche Haus: ca. 325 m²