Europa braucht unabhängige, eigene Wertschöpfungsketten

Ein Artikel von Raphael Zeman | 03.06.2022 - 10:04
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Heinrich Sigmund, Geschäftsführer des Fachverbands der Holzindustrie Österreichs © Fachverband der Holzindustrie Österreichs

Es freut uns sehr, Sie in der Wertschöpfungskette Holz begrüßen zu dürfen. Bitte stellen Sie sich unseren Lesern kurz vor.

Ich wurde 1969 in Niederösterreich geboren. Nach meinem Jusstudium begann ich in der Wirtschaftskammer in einem Fachverband zu arbeiten und wurde schließlich einer der jüngsten Stabstellenleiter. Meine Aufgabe war die Etablierung von Internet und digitalen Prozessen in der Organisation. Diese Arbeit konnte ich dann in der Kommunikation und im strategischen IT-Management des damals sehr schnell wachsenden voestalpine Konzerns fortsetzen. Danach wollte ich mich weiterentwickeln, habe über Nachhaltigkeit nachgedacht und wechselte schließlich in den Industrieanlagenbau für Biokraftstoffe. Da ich auch Kommunikation studiert habe, konnte ich dort Investor Relations und die Pressearbeit übernehmen. So sind viele Kontakte im Energiebereich entstanden.

Und dann ging es zur Österreichischen Energieagentur?

Genau. Dort war ich insgesamt zehn Jahre lang und habe die Abteilungen Personal, Recht, Kommunikation und IT geleitet. Bei der Umsetzung des Energieeffizienz-Gesetzes konnte ich als Experte weiterhelfen. Dadurch ist in weiterer Folge das Umweltbundesamt auf mich aufmerksam geworden, wo ich anschließend drei Jahre den Bereich Human Resources leitete und gewerberechtlicher Geschäftsführer war. Dann hat sich die Wirtschaftskammer bezüglich meiner jetzigen Position gemeldet.

Das Thema Holz war zu diesem Zeitpunkt noch Neuland für Sie?

Ja, das stimmt. Aber mit der CO2-Thematik war ich sehr erfahren und hatte bereits einen guten Überblick in den Bereichen Energieeffizienz und Lifecycle. Holz gehört hier zu den Rohstoffen, in denen sehr viel Potenzial steckt. Zudem kenne ich mich in der Bauwirtschaft aus und bin ein praktisch veranlagter Mensch mit großer Freude an Werkzeug und Handwerk.

Was sind nun Ihre Kernaufgaben als Geschäftsführer des Fachverbands?

Als zentral verstehe ich die Positionierung von Holz als Rohstoff der Zukunft. Durch die Pandemie und den Krieg in der Ukraine hat sich eine neue Situation ergeben. Wir brauchen eigene Wertschöpfungsketten in Europa, die so nachhaltig wie möglich sind. Mit dem Holz sind wir da ganz vorne dabei, aber es braucht ein Umdenken in der europäischen Strategie und mehr Realpolitik.

Was genau bewirken die Faktoren Corona und Ukrainekrieg?

Europa hat Milliarden eingesetzt, um rezessive Folgen der Pandemie in der Wirtschaft zu dämpfen, der Ukrainekrieg verstärkt diese Bedrohung nur noch mehr.

Wie wäre das Ihrer Meinung nach zu schaffen?

Es gilt, die Pläne der Europäischen Union neu zu denken. Wir waren damals sehr ambitioniert, den Klimawandel zu bekämpfen. Aber es reicht nicht, Visionen ohne Lösungen auf den Tisch zu knallen. Die Wirtschaft darf nicht eingeschränkt werden, sonst fehlen die Mittel und die Rahmenbedingungen für die nötigen Innovationen, die es braucht.

Wie können Sie dabei helfen?

Meine Aufgabe ist es, diese Zusammenhänge sowie die Leistungsmöglichkeiten der Holzindustrie aufzuzeigen und Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Entwicklung zu schaffen. Wir sind sehr bemüht, in Österreich alle an einen Tisch zu bringen – Stichwort: Kooperationsplattform Forst Holz Papier. Alle Arten der Holzverwendung sind Thema, aber ein großer Schwerpunkt liegt auf dem Holzbau. In Österreich, aber auch auf EU-Ebene zeigen wir auf, was bei den neuen Ideen der Politik falsch läuft, vergessen oder ignoriert wurde. Kürzlich haben wir in einem DACH-Gipfeltreffen der Holzindustrie unsere Forderungen medial transportiert. Wir klären darüber auf, wo wir stehen, was wir leisten können und wo die Grenzen des Möglichen liegen.

Wo liegen diese Grenzen beispielsweise?

Oftmals ist es die Rechtssetzung, die eine Weiterentwicklung verhindert. Es wird auch von vielen Seiten auf Emotionen gesetzt und einseitig kommuniziert. Der Baum ist größer als wir und lebt länger, wir können ihn umarmen. Moore weisen das doppelte Kohlenstoff-Speicherpotenzial auf, aber darüber wird kaum gesprochen. Ich finde, die Diskussionen sind oft zu ideologisch und wenig hilfreich dabei, sich nachhaltig weiterzuentwickeln. In Österreich ist die Industrie in den Regionen seit Generationen stark und schafft Arbeitsplätze. Gemeinsam mit der Forstwirtschaft hat sich eine nachhaltige Wirtschaft entwickelt, da braucht es keine europaweiten Regeln – man kann es auch übertreiben.

Meinen Sie mit den europaweiten Regeln beispielsweise die angedachte Außernutzungstellung der Wälder?

Ja, inklusive der Lieferkettengesetze. Man glaubt, hier CO2 sparen zu können, aber der bewirtschaftete Wald hat – gemeinsam mit dem Holzbau – die größte Möglichkeit CO2 zu speichern. Das ist bei den meisten Menschen noch nicht angekommen. Es wächst mehr Holz nach, als geerntet wird. Und bezüglich „klimafitter“ Wald: Wenn wir nichts tun, kann es Tausende Jahre dauern, bis sich der Wald entwickelt und anpasst. Es gibt genügend Experten, die darauf verweisen, dass eine nachhaltige Bewirtschaftung auch mit Biodiversität Hand in Hand geht. In der EU gibt es einerseits das Bestreben, den Wald „zuzusperren“ und andererseits die Idee des „European Bauhaus“. Diese Vorhaben sind nicht abgestimmt, man hat einfach eine Idee und will damit politisch punkten. Aber wie sehr setzt man sich dabei mit der Gesellschaft, Wirtschaft und Realität auseinander?

 

Apropos Wirtschaft und Realität: Möchten Sie etwas zu den Marktentwicklungen 2021 sagen?

Ich finde, es ist wichtig, die Diskrepanzen ruhen zu lassen. Alle Beteiligten sollten ihr Möglichstes tun, um geeint aufzutreten. Wir sind ein Wirtschaftsteil, der mit- und füreinander Leistungen für die gesamte Gesellschaft erbringen kann. Markteffekte können ernste Ausmaße annehmen, aber ich betone noch einmal: Wir sind ein Wirtschaftszweig, wir brauchen eine gemeinsame Entwicklung. Zentral ist es, miteinander an einem Tisch zu sitzen. Das ist eine Stärke, die wir weiterentwickeln müssen. Ich persönlich sitze gerne mit allen Akteuren zusammen, um gemeinsam zu versuchen, die richtigen Arbeitsbedingungen schaffen zu können.

Was sind für Sie die aktuellen Herausforderungen?

Primär ist es wichtig, dass Europa unabhängiger wird. Die Ukraine steht wegen des Krieges vor dem wirtschaftlichen Ruin. Die Menschen dort müssen aufgefangen werden, das ist ein europäisches Thema. Es braucht eine Realpolitik, die darauf schaut, dass die Gesellschaft weiterhin funktionieren kann. Bezüglich der Lieferketten gibt es wenig Know-how, wie diese tatsächlich aussehen, wie die Märkte sich entwickeln. Ohne dieses Wissen sind aber Regelungen nicht hilfreich, da sie die Wirtschaft bremsen. Ein weiteres Thema ist die nachhaltige Energie. Wir haben beispielsweise Elektrofahrzeuge, aber die fahren mit dem Strom aus Kohlekraftwerken. Der kann mit den heutigen Gegebenheiten nicht substituiert werden. Hier braucht es einen massiven Ausbau des Systems anstatt reiner Lippenbekenntnisse. Ebenso bei der Sanierung. Wir können die Häuser der Zukunft so bauen, dass sie weniger Energie brauchen – aber der Gebäudebestand ist riesig und wir haben keine ausreichende Sanierungsrate. Es brächte jetzt in Wahrheit ein massives europäisches Ausbauprogramm für Infrastruktur, im Kraftwerksbereich und im Gebäudebereich.

Und wie sieht es derzeit in der Bauwirtschaft aus?

Ich denke, dank der Entwicklungen des vergangenen Jahres ist man nicht allzu schlecht auf die derzeitige Situation vorbereitet. Die fehlenden Importe lassen sich abfedern, der Bau zieht stark an. Dementsprechend entwickeln sich auch die Preise. Das wird sich wieder beruhigen, wann genau hängt allerdings auch vom Kriegsende ab. Heuer, glaube ich, wird das Preisniveau jedenfalls noch bleiben. Die Krise wird enden, dann muss Europa der Ukraine beim Wiederaufbau helfen. Europa wird es guttun, dass sich die Experten an einen gemeinsamen Tisch setzen und daran arbeiten, die eigene Wirtschaft stabil zu halten. Wir müssen unabhängige, eigene Wertschöpfungsketten entwickeln und fördern. Nur so können wir uns den Spielraum für nachhaltige Weiterentwicklung erarbeiten.