Umbauen statt Abreißen, Weiterbauen statt neu anfangen

Ein Artikel von Maria Aufegger | 08.10.2026 - 08:01
cobe_portraitfoto_maria-aufegger_sw.jpg

Maria Aufegger, Architektin, Cobe Denmark © Francisco Tirado

Als wir das Gebäude dann vor einigen Jahren selbst renovierten, haben wir den rohen, industriellen Charakter der Betonstruktur weitgehend belassen – das Haus ist bis heute kein warmes, gemütliches Büro im klassischen Sinn, sondern ein Raum mit sichtbarer Struktur, mit Kanten und Härte. Aber an einzelnen Stellen kam Holz gezielt zum Einsatz – in den Besprechungsräumen, der eigenen Bibliothek, dort, wo die Kollegen sich länger aufhalten oder direkt miteinander arbeiten. Nicht als Verkleidung des ganzen Gebäudes, sondern als bewusster Kontrastpunkt. Heute arbeiten in unserem Büro über 180 Menschen gemeinsam in einem offenen Grundriss – Architekten und Landschaftsarchitekten, Konstrukteure, Designer, dazu die Verwaltung und unsere Praktikanten.

Ein Großraumbüro für 180 Personen, ein gemeinsamer Raum, gilt oft als Albtraum: zu laut, zu anonym, zu wenig Rückzug. Dass unseres trotzdem funktioniert, hat weniger mit einem einzelnen Material zu tun als mit der Haltung, die wir bei diesem Umbau von Anfang an hatten: Wir wollten das alte Pakhaus nicht in etwas verwandeln, das keine Wurzeln hat. Es war unsere Intention, mit dem zu arbeiten, was schon da ist, anstatt alles neu erfinden zu müssen – ein Motto, dem wir auch im Architektenalltag folgen. Menschen spüren, ob ein Ort ehrlich zu seiner eigenen Geschichte ist oder sie nur behauptet. Ich erzähle das nicht aus Nostalgie, sondern weil unser Büro ein kleines Beispiel für eine Entwicklung ist, die sich in den kommenden Jahren branchenweit verstärken wird. Der Umgang mit dem, was schon steht, wird für den Holzbau ebenfalls wichtiger werden, als der klassische Neubau.

Alte Lagerhäuser, Fabrikshallen, Bürobauten aus Beton und Stahl werden seltener abgerissen und öfter weitergedacht, vergleichbar mit unserem Pakhaus in Nordhavn. Zwei Entwicklungen verstärken sich dabei gegenseitig: Strengere Vorgaben zu grauer Energie und Lebenszyklusemissionen machen Rückbau zunehmend unattraktiv, während Wohlbefinden am Arbeitsplatz vom weichen Zusatzargument zum harten Standortfaktor im Wettbewerb um Fachkräfte wird. Beides zusammen macht Holz weniger zu einer architektonischen Entscheidung als zur strategischen Antwort auf zwei parallele Anforderungen: weniger Emissionen, hochwertigere Räume.

Genau diese Haltung – Umbauen statt Abreißen, Weiterbauen statt neu anfangen – hat Cobe in den letzten zwanzig Jahren geprägt, und mit ihr auch Kopenhagen selbst. Aus einer Hafenstadt, die ihre Industriebrachen kaum kannte, ist eine der lebenswertesten Städte Europas geworden. Sie besticht nicht nur durch spektakuläre Einzelbauten, sondern eben auch durch die beharrliche Umwandlung von Lagerhäusern, Hafenbecken und Industrieflächen in Orte, an denen Menschen tatsächlich gerne sind. Der Holzbau spielt darin eine immer größere Rolle in unserer eigenen Arbeit; als Ergänzung zu bestehender Substanz, wie in unserem Büro, ebenso wie als eigenständige Konstruktionsweise für Neubauten, die von Anfang an auf geringe Emissionen und lange Lebensdauer ausgelegt sind. Was vor einigen Jahren noch die Ausnahme war, ist heute oft die erste Frage, die wir uns bei einem neuen Projekt stellen: Wie viel davon kann in Holz gedacht werden – konstruktiv, aber auch atmosphärisch?

Diese Frage habe ich im September bei FRAME TIMBER ARCHITECTURE ausführlicher beantwortet, als es hier Platz hat. Ich habe dort vier bis fünf Holzbauprojekte aus unserem Büro vorgestellt, darunter zwei, bei denen wir konstruktiv bewusst neue Wege gegangen sind – Lösungen, die zeigen, dass Holzbau heute weit über die klassische Skelettbauweise hinausreicht, wenn man bereit ist, mit Statikerinnen, Zimmereien und Bauherren gemeinsam an die Grenzen des Machbaren zu gehen. Die Projekte zeigen auf, wie unterschiedlich diese Antwort in der Praxis aussehen kann.

Am Ende steht eine einfache Prognose; Bauten, die Wohlbefinden am Arbeitsplatz ernst nehmen, werden in Zukunft kaum ohne Holz auskommen – nicht, weil es das einzige richtige Material wäre, sondern weil kein anderes so präzise dort eingesetzt werden kann, wo Menschen es brauchen, und so gut mit dem zusammenspielt, was an Bausubstanz bereits vorhanden ist.