In guter Gesellschaft

Ein Artikel von Kathrin Lanz | 02.12.2019 - 15:30

Schon in ein paar Jahren wird Graz-Reininghaus Lebensmittelpunkt für rund 15.000 Menschen sein, die hier wohnen, leben und auch arbeiten werden. Bei dem neuen Stadtteil handelt es sich um ein großes, ehemaliges Gewerbegebiet, relativ zentral gelegen und in puncto des öffentlichen Verkehrs gut ausbaubar. Der erste sechsgeschossige Holzwohnbau auf dem Areal steht seit 2016 – das Projekt Hummelkaserne von sps÷Architekten. In gute Gesellschaft begibt sich damit das nächste Großprojekt, das Quartier 7, ein mehrgeschossiger Wohnbau mit über 200 Wohnungen in acht L-förmigen Baukörpern. Noch nicht fertig, gilt das Projekt derzeit als eine der größten Holzbaustellen in der Steiermark. Für die architektonische Note sind balloon architekten zuständig. Bei dem Grazer Büro handelt es sich um ganz und gar keine Holzbauneulinge. Bereits 2008 räumte man für einen Erweiterungsbau für den Verein „pro mente“ im Lavanttal den Holzbaupreis Kärnten ab.

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Bis 2020 sollen insgesamt acht L-förmige Baukörper auf den Reininghausgründen stehen – dazwischen bleibt genügend Platz für Grünraum. © Winkler Landschaftsarchitektur

Seitdem nahmen die Dinge ihren Lauf. Kürzlich erhielt das Grazer Büro den steirischen Holzbaupreis für das Wohnbauprojekt Sternäckerweg, wo gerade rund 400 Wohnungen und ein Kindergarten entstehen (holzbau austria hat berichtet). „Holzbau begleitet uns regelmäßig und sehr intensiv“, erzählt Architekt Andreas Gratl, neben Iris Rampula-Farrag und Johannes Wohofsky eines der Gründungsmitglieder von balloon architekten. Quartier 7 war als Holzbau ausgeschrieben. Beim Wettbewerb setzte sich balloon 2016 durch. Den zweiten Platz machte Hohensinn Architektur. Die Juryempfehlung, die Zweitplatzierten mit einer Bauaufgabe zu betrauen, wurde angenommen. Deshalb verantwortet Hohensinn nun zwei der acht Baukörper.

Stiegen- und Aufzugsschächte in Brettsperrholz

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Einmal fertiggestellt soll viel Grünraum die halböffentlichen Bereiche in den Höfen prägen. © Helmut Pierer

Das gesamte Areal folgt einem Städtebaukonzept, das Kriterien, ähnlich jenen der Smart City, vorgibt. Das betrifft das Energiekonzept oder die Bebauungsdichte genauso wie Durchwegungen oder die Mobilitätsmöglichkeiten der künftigen Bewohner. Beim Thema öffentlicher Verkehr war es der Stadt wichtig, dass die Nutzer einen ebenso weiten Weg zur Straßenbahn wie zum Tiefgaragenplatz haben. Darüber hinaus spielen soziale Infrastruktur, Grünräume und öffentlicher Raum eine Rolle. „Die Bebauung ist in vier Unterquartiere geteilt, wovon jedes jeweils eine Mitte schafft“, erklärt Gratl. Gemeint sind Innenhofsituationen, die sich halböffentlich präsentieren. Pro Quartier gibt es 50 Wohnungen, die sich in drei- bis sechsgeschossigen Baukörpern auf insgesamt 30.000 m2 verteilen. Die dreigeschossigen Bauten sind in Holzriegelbauweise mit tragenden Brettsperrholz-Innenwänden und –Decken erbaut. Die vier- bis sechsgeschossigen Gebäude sind ganz in Brettsperrholz ausgeführt, lediglich die Stiegenkerne sind in Stahlbeton gebaut. Obwohl – das trifft nicht auf alle Bauten zu.

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Verschieden hohe Baukörper – von drei bis sechs Geschossen – charaktarisieren das Quartier 7. © Helmut Pierer

Jene beiden Baukörper, die Hohensinn Architektur verantwortet, weisen einen beinahe komplett hölzernen Stiegenkern auf. Zwar gibt es Stahlstützen und verflieste Fertigteile, aber die Wände, auch jene der Aufzugsschächte, sind komplett in Brettsperrholz gefertigt. „Wir haben es nicht geschafft, in den Wohnungen Holz zu zeigen“, kommentiert Josef Hohensinn, Geschäftsführer von Hohensinn Architektur. „Deshalb fragten wir uns umso intensiver, können wir nicht an diesen ordinären Stiegenhäusern etwas verändern?“ Das konnten sie. „Dabei haben wir nicht nur den gestalterischen Aspekt bedacht, sondern auch das Setzungsthema gelöst.“ Einen dadurch höheren Planungsaufwand bemerkte Projektleiter Branko Savatović durch die insgesamt vier hölzernen Erschließungskerne nicht. Ein weiterer Vorteil sei es gewesen, dass man die Stiegenhäuser ziemlich gleichzeitig mit den Geschossen aufrichten konnte. Als Kompensationsmaßnahmen gibt es eine Brandmeldeanlage und die Innenverkleidung der Aufzugsschächte mit Feuerschutzplatten. Zudem ist die Durchgängigkeit des Baumaterials laut Hohensinn „ziemlich kostenneutral“. Wie lautet die Erkenntnis? „Dass es sehr einfach ist, Stiegenhäuser in Holz zu bauen“, berichtet Hohensinn. „Natürlich müssen wir an Details weiterfeilen.“

Dass es sehr einfach ist, Stiegenhäuser in Holz zu bauen, lautet die Erkenntnis.

Josef Hohensinn, Geschäftsführer von Hohensinn Architektur

Aufgeschlossenheit brachte das Projekt voran

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Da Hohensinn Architetktur in den Wohnungen kein Holz zeigen konnte, führten sie die Stiegenhäuser fast zur Gänze in Holz aus. © Helmut Pierer

Nicht unerheblich für diesen Schritt war es wahrscheinlich, dass sich Hohensinn Architektur als Gründungsmitglied im interdisziplinären Planungsnetzwerk SEEWOOD (Styrian Engineering for Ecology | Wood) engagiert und ganz genau weiß, was Holz tatsächlich leisten kann. Dem steirischen Netzwerk geht es um den angemessenen Umgang mit Ressourcen im Allgemeinen, der Schwerpunkt liegt allerdings auf dem Bauen mit Holz. Hohensinn will mit dem hölzernen Erschließungskern in gewisser Weise ein Exempel statuieren. „Wir hoffen, dass wir damit eine Gesamtentwicklung vorantreiben können. Auch – was die Entwicklung pro Holz in den OIB-Richtlinien betrifft.“ Was das Projekt ebenso voranbrachte, war ein im großvolumigen Bau erfahrenes Holzbauunternehmen. Und nicht nur das Volumen, auch die Qualität stimmt bei diesem Betrieb: Strobl Bau & Holzbau mit Hauptsitz in Weiz holte sich Ende Oktober gleich drei Holzbaupreise, unter anderem einen für das Wohnbauprojekt Max-Mell-Allee, wo das Unternehmen als Generalunternehmer fungierte. „Bei Quartier 7 machen wir ‚nur’ den Holzbau und die Baumeisterarbeiten“, erzählt Holzbau-Meister Markus Kroisleitner, der bei Strobl als Bereichsleiter Holzwohnbau fungiert und Großprojekte gewohnt ist. „Es vereinfacht sogar die Koordination, wenn man nicht viele kleine, sondern eine große Baustelle zu betreuen hat“, berichtet der Zimmerer.

Wir hoffen, dass wir damit eine Gesamtentwicklung vorantreiben können. Auch – was die Entwicklung pro Holz in den OIB-Richtlinien betrifft.

Josef Hohensinn, Geschäftsführer von Hohensinn Architektur

Mit Rückenwind zu mehr Holzbau

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Hier wird weitergeführt, was in unmittelbarer Nachbarschaft, beim Projekt Hummelkaserne, bereits Realität ist: moderner mehrge- schossiger Holzwohnbau. © Helmut Pierer

Alle Interviewpartner sind sich einig: Der Zeitplan sei zwar straff, könne aber eingehalten werden. Weihnachten 2017 fand der Spatenstich statt, im Frühsommer des kommenden Jahres sollen die ersten Bewohner in die rund 200 Wohnungen einziehen. „Der gesamte Bauablauf hat reibungslos funktioniert“, berichtet Projektleiterin Johanna Kampits von balloon. „Wir sind zuversichtlich, was die fristgerechte Fertigstellung betrifft.“

Steht man auf der Noch-Baustelle von Quartier 7 kann man die vier sechsgeschossigen Bauten am ehemaligen Gelände der Hummelkaserne sehen. Hier passiert Großes in Holz. Man hat das Gefühl, Graz ist in Sachen Holzbau überaus ambitioniert. „Der Holzbau in der Stadt wird wachsen. Schon bald ist es nichts Außergewöhnliches mehr, großvolumig in Holz zu bauen“, prognostiziert Gratl, diese Gedanken stützend. „Das glauben und hoffen wir. Denn mit der notwendigen Expertise sind wir für weitere Großprojekte gewappnet.“ Und auch Hohensinn stimmt in diesen Kanon ein: „In Graz gibt es politischen Rückenwind und vor allem den Willen, mehr in Holz zu bauen. Das macht sich heute und hoffentlich in Zukunft bemerkbar.“ Mit dieser positiven Einstellung und dem angesprochenen notwendigen Rückenwind darf man vom steirischen Holzbau also voraussichtlich noch eine Menge erwarten.

Der Holzbau in der Stadt wird wachsen. Schon bald ist es nichts Außergewöhnliches mehr, großvolumig in Holz zu bauen.

Andreas Gratl, Gründungsmitglied von balloon architekten

Projektdaten

Standort: Graz
Fertigstellung: Frühjahr 2020 (geplant)
Architektur: balloon architekten ZT-OG, Hohensinn Architektur
Holzbau: Strobl Bau & Holzbau GmbH
Holzmenge: 6500 m³, 380 m³ KVH, 18.000 m2 Holzfassade
Systemlieferant: Mayr Melnhof
Landschaftsplanung: Winkler Landschaftsarchitektur
Bauphysik: rosenfelder & höfler consulting engineers
Tragwerksplanung/Brandschutz: Wörle Sparowitz Ingenieure