Holistischer Entwurf für monolithischen Wohnbau

Ein Artikel von Raphael Zeman | 23.11.2020 - 09:10
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Die Fassadenbekleidung in Form roter Ziegelschindeln  stellt eine Verbindung zu den für England typischen Backsteinhäusern her. © Tikari Works, Jack Hobhouse

Ausgangspunkt für die beiden Baukörper, die insgesamt zehn Wohneinheiten beherbergen, war eine Analyse der vor Ort vorherrschenden Gebäudetypologien, Bebauungsgrößen, Lichtverhältnisse sowie Öffentlichkeit bzw. Privatsphäre. Aus einer Studie der benachbarten Dachformen ergab sich eine Architektursprache, die zwar unterschiedlich auf die Neubauten angewandt wurde, aber dennoch zu einer harmonischen Eingliederung in den Bestand beiträgt. Die monolithische Anmutung wird durch eine spielerische Anordnung der Fenster, die sich teilweise über die Traufkante hinwegbiegen, aufgebrochen. Die Fassadenbekleidung mit roten Ziegelschindeln tut ihr Übriges zum Erscheinungsbild der Rye Apartments.

Ein Büro, drei Funktionen

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Im Innenraum wurde das Holz in Sicht belassen und gibt den Räumlichkeiten so ihren warmen Charakter. © Tikari Works, Jack Hobhouse

Die Dreifachfunktion als Bauherr, Architekt und Ausführender ermöglichte Tikari Works das Projekt ganz nach den eigenen Wünschen umzusetzen. „Unser integraler Zugang bot klare Vorteile. Jeder Entwurf wägt zwischen Fragen der Kosten, Ästhetik und Umsetzung ab. Die Kontrolle über alle drei Punkte ermöglichte uns eine holistische Herangehensweise – die Rye Apartments sind ein Ergebnis dieser Optimierung“, so Nicola und Ty Tikari, Gründer des Büros. Angesprochen auf besondere Herausforderungen, erwidern die beiden: „Alle Bauvorhaben bringen Hürden mit sich, aber ein systematischer Entwurfsprozess hilft enorm dabei, diese zu überwinden.“ Zudem werde für mittlere bis große Wohnbauprojekte in Großbritannien zumeist die vermeintlich günstigere mineralische Massivbauweise herangezogen. Wenn man jedoch die Gesamtkosten eines Projekts betrachte, so bringe die Holzbauweise hinsichtlich der Baugeschwindigkeit und Einbindung nachstehender Gewerke deutliche Vorteile mit sich. „Dank der hohen Präzision des Holzbaus kann man beispielsweise die Küche bestellen, bevor die erste Brettsperrholzwand steht. Das optimiert die Logistik und verkürzt die Bauzeit“, so Ty Tikari.

Wenn man die Gesamtkosten eines Projekts betrachtet, bringt die Holzbauweise hinsichtlich der Baugeschwindigkeit und Einbindung nachfolgender Gewerke deutliche Vorteile mit sich.

Ty und Nicola Tikari: Bauherren, Architekten, Ausführende

Holz verbindet Mensch und Natur

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Großflächige Verglasungen bringen Tageslicht ins Innere und ermöglichen den Ausblick auf den grünen Peckham Rye Park. © Tikari Works, Jack Hobhouse

Für die Architekten stand bereits früh in der Entwurfsphase fest, dass es ein Holzbau wird. Gründe dafür waren die Einsparung von 230 t CO2, die schnelle und saubere Bauweise und kleine Toleranzen. Weil die Innenwände und Stiegenkerne ebenfalls in BSP ausgeführt wurden, konnten alle Komponenten von demselben Subunternehmen geliefert und gleichzeitig errichtet werden – was wiederum die Effizienz steigerte. Besonders interessiert waren die Planer an den räumlichen Qualitäten eines Gebäudes, das fast ausschließlich aus ein und demselben Material besteht. „Wir wollen Räume schaffen, die den Nutzer in der natürlichen Welt verankern. Das ist vor allem in dicht besiedelten städtischen Gefilden, wo die Verbindung Mensch-Natur immer geringer wird, enorm wichtig. Innenräume aus Holz helfen, diese Verbindung wieder zu stärken, schaffen eine beruhigende Atmosphäre und sind zudem nachhaltig“, so Nicola Tikari. Deshalb wurde das Holz innen sichtbar belassen und erzählt nun die Entstehungsgeschichte der Rye Apartments. Langfristiges Ziel von Tikari Works ist es, CO2-neutral zu werden und Holz spiele hier eine unabdingbare Rolle.

Brandschutzdiskussion nicht faktenbasiert

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Ty und Nicola Tikari © Tikari Works, Jack Hobhouse

In Großbritannien wird momentan die Verwendung brennbarer Stoffe in außen liegenden Wänden ab einer Gebäudehöhe von elf Metern diskutiert. „Derzeit herrscht hier große Verwirrung und es liegen einige Missverständnisse vor“, berichten die Londoner Architekten. Ihrer Ansicht nach wurde der Baustoff Holz in eine brandschutztechnische Diskussion hineingezogen, die nichts mit der tatsächlichen Brennbarkeit des Materials zu tun hat. „Deshalb treten wir nach wie vor für die umfassende Nutzung von Holz in unseren Projekten ein und hoffen, dass zukünftige Debatten auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, anstatt von politischen und versicherungstechnischen Bestrebungen gelenkt zu werden“, appelliert Ty Tikari.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Forderung von den Verantwortlichen gehört wird. Denn wie die Rye Apartments eindrücklich unter Beweis stellen, macht Holz nicht nur brandschutztechnisch, sondern auch hinsichtlich der Faktoren Bauzeit, Sauberkeit und Lärm auf der Baustelle sowie Wohlfühlatmosphäre eine gute Figur.

Projektdaten

Standort: London
Bauherrschaft: Tikari Works
Fertigstellung: 2019
Bauzeit: 18 Monate
Architektur: Tikari Works
Holzbau: Eurban
Systemlieferant: Stora Enso
Materialverwendung: 308 m³ Brettsperrholz
Nutzfläche: 880 m²