Der Hauptsitz der niederländischen Großbank ABN AMRO an der Foppingadreef in Amsterdam bekommt ein neues Gesicht. Das aus den 1980er-Jahren stammende Gebäude wird nicht abgerissen, sondern umfassend transformiert, erweitert und energetisch ertüchtigt. Rund 78.000 m2 des Bestands bleiben erhalten, während rund 30.000 m2 zusätzliche Fläche entstehen. Für die neuen Büroflächen wird auf eine tragende Konstruktion aus Holz gesetzt. Insgesamt werden rund 8000 m3 Holzwerkstoffe verbaut – etwa 5000 m3 Brettschichtholz und 3000 m3 Brettsperrholz.
Für Holzbauplanung, Engineering, Werkplanung, Produktion, Logistik und Montage zeichnet Häring Timber Technology AG, Eiken/CH, als Gesamtholzbauunternehmer verantwortlich. Als Generalunternehmer ist die Royal BAM Group, Bunnik/NL, beziehungsweise BAM Bouw en Techniek, Bunnik/NL, beauftragt. Der Developer EDGE Technologies, Amsterdam/NL, entwickelte das Projekt gemeinsam mit den Architekturbüros Broekbakema, Rotterdam/NL, und INBO, Amsterdam/NL. In der Planung wurde Häring von holzprojekt, Bern/CH, und Aspect Structural Engineers, Bern/CH, unterstützt. Das Projekt befindet sich in der Endphase.
Holztragwerk als Statement
Visualisierung des künftigen ABN AMRO-Hauptsitzes in Amsterdam: Begrünte Innenbereiche und großzügige Glasflächen schaffen einen offenen Begegnungsraum. © Häring Timber Technology AG
esonders prägnant wird die neue Holzkonstruktion in den Atrien, die als Eingangs-, Begegnungs- und Arbeitsbereiche konzipiert sind. V- und Y-förmige Stützen tragen die darüberliegenden Geschoße und werden selbst zum sichtbaren Bestandteil der Architektur. Das Holztragwerk ist damit weit mehr als eine konstruktive Notwendigkeit. Es prägt die Räume und bildet das architektonische Herz des transformierten Gebäudes. Die Architekten selbst bezeichnen die sichtbaren V- und Y-Stützen im Eingangsbereich als „heart of wood“.
Die Dimensionen sind dementsprechend beeindruckend. Allein die markanten Y-Stützen des Hauptatriums bestehen aus 31 Einzelteilen. 15 Stützen wiegen jeweils rund 5 t. Zusammen wurden dafür etwa 148 m3 Brettschichtholz eingesetzt. Die Bauteile hat man im Schweizer Werk der Häring-Tochter, Roth Burgdorf AG, Burgdorf/CH, CNC-gefertigt und anschließend per Spezialtransport nach Amsterdam gebracht.
Auch konstruktiv stellen die Stützen hohe Anforderungen. Die zweifach blockverleimten und gekrümmten Y-Stützen erreichen Querschnitte von bis zu 600 mal 1200 mm und sind bis zu 14 m hoch. Die Atrien selbst erreichen Höhen von knapp 24 m. Die komplexe Geometrie um einen Betonkern erforderte eine detaillierte Bemessung und sorgfältig entwickelte Anschlüsse. Diese wurden so konzipiert, dass ein möglichst hoher Vorfertigungsgrad und kurze Montagezeiten auf der Baustelle möglich sind.
„Das Projekt in Amsterdam beweist einmal mehr, dass Schweizer Holztechnologie in den internationalen Metropolen angekommen ist“, hieß es seitens Häring bereits zum Projektstart. Für die Schweizer Holzbauspezialisten zeigt das Vorhaben zugleich, dass leistungsfähige Holztragwerke auch bei großvolumigen Bürogebäuden mit komplexen Geometrien und hohen Anforderungen an Planung und Logistik eingesetzt werden können.
Präzise Vorfertigung und Montage
Schlichte Eleganz: Das Holztragwerk prägt das neue Atrium des ABN AMRO-Hauptsitzes. Sichtbare V- und Y-Stützen tragen die darüberliegenden Geschoße. Eine geschwungene Holztreppe bildet künftig einen zentralen Erschließungs- und Begegnungsbereich. © Häring & Co. AG
Die neue Holzkonstruktion ist Teil eines insgesamt 108.000 m2 großen Bürokomplexes. Rund 30.000 m2 zusätzliche Geschoßfläche werden durch Aufstockungen und Ergänzungen in Holzbauweise geschaffen. In den Atrien treffen Holz und Glas aufeinander. Holzböden ergänzen das natürliche Konzept. Ein weiterer Gebäudeteil zeigt die konstruktiven Möglichkeiten des Systems. Hier wurde die neue Holzkonstruktion mit Brettschichtholzrahmen und BSP-Decken bereits fertiggestellt. Ein Atrium aus wiederverwendeten Fassadenelementenverbindet den neuen Holzbau mit dem Bestand. Eine besondere Herausforderung liegt in der Verbindung der neuen Holzstrukturen mit dem bestehenden Gebäudekomplex. Die neuen Bauteile wurden präzise in die bestehende Tragstruktur integriert und erfüllen sämtliche Anforderungen an Brandschutz, Akustik, Bauphysik und Logistik. Digitale Planung, CNC-Fertigung und eine exakt abgestimmte Logistik bilden deshalb die Grundlage für die Montage. Die Fertigung der anspruchsvollen Bauteile erfolgt unter kontrollierten Bedingungen, bevor sie zur Montage nach Amsterdam transportiert werden. Unter der Gesamtverantwortung von Häring waren beteiligt: holzprojekt, Bern/CH, und Aspect Structural Engineers, Bern/CH (Unterstützung Planung), Anselm Schoen Holzbau-Planung, Witzenhausen/DE (Werkplanung), die Häring-Tochter Roth Burgdorf AG, Burgdorf/ CH (Fertigung und CNC-Bearbeitung der Y-Stützen), Hasslacher Norica Timber, Sachsenburg/AT (Lieferung von BSH und BSP), Rothoblaas, Kurtatsch/IT (Standardverbinder), sowie VIC Obdam Staalbouw B.V., Obdam/NL (Sonderanschlüsse).
Bestand statt Abriss
Mindestens ebenso interessant wie die neue Holzkonstruktion ist der Umgang mit dem Bestand. Das Projekt setzt bewusst auf Transformation statt vollständigen Neubau. Ausgebautes Material wie Innenwände, Decken und Fenster wird sorgfältig demontiert und für eine erneute Verwendung vorbereitet. Die Bauteile werden so geplant, dass sie möglichst demontierbar und wiederverwendbar bleiben. In den Atrien wird dieses Prinzip sichtbar. Alte Fensterrahmen werden beispielsweise als Fassadenelemente wieder eingesetzt und mit einer biobasierten Holzstruktur kombiniert. So entsteht ein Zusammenspiel aus Bestand, Wiederverwendung und modernen Holzbauteilen, bei dem die Geschichte des ursprünglichen Gebäudes weiterhin ablesbar bleibt. Ergänzt wird das Konzept durch begrünte Dachflächen, Außenbereiche und eine leistungsfähige Energieversorgung. Auf Dach und Fassade werden insgesamt 10.500 m2 Photovoltaik installiert. Der Energieverbrauch des Gebäudes soll unter 30 kWh/m2 liegen.
Auf der Zielgeraden
Inzwischen ist die markante Holzkonstruktion weitgehend montiert und das Gebäude hat seinen höchsten Punkt erreicht. Das Projekt ist wind- und wasserdicht, die Konturen der neuen Atrien und Aufstockungen sind bereits deutlich ablesbar. Aktuell verlagert sich der Schwerpunkt auf Innenausbau, Außenanlagen und die weitere Integration der zirkulären Elemente. Laut David Häring befinden sich die Arbeiten in der Schlussphase: „Die Ausbauarbeiten sind fast abgeschlossen, die Außenanlagen sind auch noch fertigzustellen.“ Der Abschluss des Projekts ist für Frühjahr 2027 vorgesehen. Mit der Transformation der ABN AMRO-Zentrale zeigt sich, wie sich großvolumiger Holzbau und Bauen im Bestand verbinden lassen. Der hohe Vorfertigungsgrad, die präzise Planung und die Integration wiederverwendeter Bauteile machen das Projekt zu einer anspruchsvollen Schnittstelle von Architektur, Tragwerksplanung und industrieller Holzbauproduktion.