Ihre Arbeitsgruppen haben im Rahmen von Roadmaps 62 Forschungs- und Entwicklungsthemen für den Holzbau identifiziert. Wie konnte das in eine konkrete Startstrategie überführt werden?
Die 62 Projekte bilden erstmals den gesamten Forschungsbedarf des österreichischen Holzbaus ab – von Grundlagen über Baustellenprozesse bis zu Nachweisen in Schall und Feuchte. Das entspricht einem Gesamtvolumen von rund 17 Mio. €. Für die Umsetzung mussten wir priorisieren: Aus jedem der vier Bereiche haben wir zwei Themen ausgewählt, die kurzfristig höchste Wirkung versprechen. Dazu kommt Digitalisierung als Querschnittsaufgabe. Damit starten wir nun in eine Drei-Jahres-Umsetzungsphase. Vier Projekte wurden bereits bei der FFG eingereicht; wir erwarten in Bälde eine Freizeichnung.
Welche Themenfelder haben Sie zuerst in Angriff genommen?
Wir beginnen mit robusten konstruktiven Details – insbesondere der Lastabtragung –, mit einem Projekt zur Gesamtenergieeffizienz, mit Feuchte und Rücktrocknung im Bestand sowie mit Lösungen zur sommerlichen Überwärmung. Im Schallbereich entwickeln wir bauweisengerechte Kennzahlen weiter, weil hier auf Praxisniveau oft unklare oder nicht ausreichend verlässliche Daten vorliegen.
Digitalisierung zieht sich dabei über alle Projekte: Ein zentrales Ziel ist, sämtliche Ergebnisse konsequent digital zu dokumentieren, damit Planer, Ausführende und Behörden künftig auf fundierte Unterlagen zugreifen können.
Wie lange läuft die Projektphase?
Der Großteil hat eine Laufzeit von zwei bis drei Jahren. Wir haben bewusst einen Zeitraum gewählt, der realistische Projektfortschritte ermöglicht und gleichzeitig rasch verwertbare Ergebnisse liefert.
Welche Einrichtungen sind eingebunden?
Von universitärer Seite arbeiten Partner aus Graz, Wien, Innsbruck und Kärnten mit, dazu Ziviltechniker, Bauingenieure und Industrieunternehmen als praxisnahe Endanwender. Diese Breite war uns wichtig: Forschungsergebnisse müssen am Markt funktionieren, nicht nur im Labor.
Neben den großen Forschungsprojekten wurden bereits mehrere Richtlinien abgeschlossen. Was wurde konkret fertiggestellt?
Die Richtlinien zu Balkonen und Staffelgeschossen sowie jene zu Folgegewerken sind fertig und werden noch heuer publiziert. Sie geben konkrete Handlungsempfehlungen für Planer und Ausführende und beantworten Fragestellungen, die uns aus dem Markt gezielt zurückgespielt wurden.
Zusätzlich ist das Leitprojekt TycoType abgeschlossen. Es liefert vollständige digitale Ausschreibungsunterlagen für Holzbauprojekte und knüpft an die digitale Baueinreichung in Wien (Projekt Brise) an. Diese Unterlagen stellen wir der Branche aktiv zur Verfügung.
Auch der Themenkomplex Feuchtigkeit bleibt präsent.
Ja, wir ergänzen die bestehenden Unterlagen um Aspekte wie Rücktrocknung nach Hochwasserereignissen oder Feuchterisiken beim Transport.
Sie haben eine eigene Arbeitsgruppe Ausbildung gegründet. Was ist deren Ziel?
Wir sehen hier einen strukturellen Hebel, analysieren derzeit alle Ausbildungsebenen – insbesondere Universitäten – und erheben Curricula, Zuständigkeiten und vorhandene Inhalte. Wichtig ist uns eine stärkere Transdisziplinarität: Architektur und Tragwerksplanung sollen enger verzahnt arbeiten. Zusätzlich wollen wir die Erwartungen der Branche abbilden und diese strukturiert in Vorschläge für künftige Ausbildungswege überführen.
Ein Dauerthema ist die Mitarbeit an OIB-Richtlinien. Wie ist der Stand?
Wir haben intensiv an OIB-Richtlinie 6 und am Nationalen Gebäudeenergieeffizienzplan mitgearbeitet. Aktuell arbeiten wir an OIB-Richtlinie 7, insbesondere an Nachhaltigkeits- und Treibhausgas-Kennwerten. Wir haben sogar an einer Begutachtung in Niederösterreich teilgenommen. Für uns ist klar: In der Bauordnung und Bautechnik wollen wir fachlich mitgestalten – nicht reagieren, sondern aktiv beitragen.
Gleichzeitig fehlen Fachkräfte für Normungsgremien.
Das Normen-Koordinationsprojekt hat gezeigt, dass das persönliche Engagement zurückgeht. Firmen können auch aufgrund der derzeitigen konjunkturellen Lage in der Bauwirtschaft weniger Experten freistellen, gleichzeitig steigt der Bedarf an technischer Kompetenz. Einzelne Gremien konnten wir neu besetzen, aber strukturell bleibt es herausfordernd. Wir möchten hier deutlich appellieren: Die Branche muss weiterhin aktiv Verantwortung übernehmen, sonst geraten zentrale Standards in die Hände derjenigen, die aktiv sind.
Dennoch hat die Holzbauplattform Zuwachs bekommen?
Wir konnten mit Markus Wallner-Novak und Andreas Ringhofer zwei ausgewiesene Experten aufnehmen. Damit sind wir nun bei knapp 20 Mitgliedern. Beide verstärken insbesondere die Themenfelder Ausbildung und technische Kompetenz.
Sie haben vorab das Thema Hebetechnik erwähnt.
Ja, wir starten ein Projekt zur Hebetechnik im Holzbau auf Basis der Maschinenverordnung. Die Fragestellungen betreffen sowohl konstruktive Systeme als auch Fertighaus- und Zimmereibetriebe. Wir arbeiten hier gemeinsam mit deutschen Partnerverbänden.
Zusätzlich bieten Sie auch regelmäßig Stammtische an. Welche Rolle spielen diese?
Eine sehr große. Sowohl der Holz-Bauphysiker-Stammtisch als auch der Holzbau-Statiker-Stammtisch sind regelmäßig gut gebucht. Wir veranstalten drei bis vier Treffen pro Jahr und wechseln die Standorte – zuletzt Westösterreich, Wien und Steiermark. 2025 holen wir erstmals systematisch Themenbedarfe direkt aus der Branche ab, um die Formate noch fokussierter auszurichten. Die Veranstaltungen stehen allen Interessierten offen.
Möchten Sie der Branche noch etwas mitgeben?
Wir fokussieren derzeit drei Schwerpunkte: die Umsetzung der priorisierten Forschungsprojekte, den Abschluss und die Veröffentlichung weiterer Leitfäden und Richtlinien sowie die aktive Mitarbeit an OIB-Richtlinien und bautechnischen Standards. Gleichzeitig stärken wir generell das technische Lobbying und die Ausbildungsstruktur.
Entscheidend ist, dass wir als Branche einheitlich auftreten und gemeinsam Lösungen entwickeln. Wir sind motiviert und überzeugt, dass die nächsten Jahre für die Etablierung eines leistungsfähigen Holzbaus und entsprechender Standards in Österreich entscheidend sein werden