Organisationskomitee-Chef Martin Stöckl brachte es bei der Eröffnung am Montag, 12. Januar, augenzwinkernd auf den Punkt: „Die Bildungswoche Alpbach muss man erlebt haben, sonst ist man kein richtiger Zimmermeister.“ Im Anschluss begrüßte Bundesinnungsmeister und Tiroler Landesinnungsmeister Simon Kathrein die zahlreichen bekannten aber auch neuen Besucher – wobei das Bundesland Niederösterreich zahlenmäßig am stärksten vertreten war.
Daraufhin gab es gleich drei Ehrungen für Verdienste am Holzbau: Dr. Matthias Ammann erhielt die Goldene Ehrennadel des Europäischen Zimmerer- und Holzbaugewerbes (siehe Seite 54). Den beiden ehemaligen Innungsmeistern Siegfried Fritz und Gerhard Kast wurde der Ehrenring verliehen. Der Ehrenring – von dem es höchstens zehn gleichzeitig gibt – ist die höchste persönliche Auszeichnung, wird für den Ringträger maßgefertigt und zum Tod getragen.
Auf diese Feierlichkeit folgten die beiden Eröffnungsvorträge „Warum Unternehmer und Politiker sich nicht verstehen“ von Univ.-Prof. Dr. Peter Filzmaier und „Mit den Vernehmungsmethoden der Ermittler Informationen gewinnen“ von Prof. Dr. Michael Saller folgten. Der Begrüßungstag endete traditionell mit der Bierverkostung, diesmal ausgerichtet vom Rosenheimer Flötzinger Bräu.
2027 kommt der neue Eurocode
In bewährter Manier ging es an den nächsten beiden Tagen um das Fachliche. Den Anfang machte Dr. Ulrich Hübner vom Fachverband der Holzindustrie, der in seinem Vortrag über den neuen, ab 2027 gültigen Eurocode 5 sprach. Die Vor- und Nachteile aus seiner Sicht im groben Überblick: Positiv sei laut Hübner, dass viele österreichische Regelungen europäisiert sowie alle gängigen Werkstoffe und Verbindungsmittel abgedeckt werden und der neue Text dem Bemessungsablauf folgt. Eine deutliche Verbesserung sieht Hübner im Bereich der Brandschutzbemessung, außerdem werden Regelungslücken geschlossen und klar definiert, welche Regeln für welche Werkstoffe gelten. Zudem werden viele neue Anwendungsmöglichkeiten wie CLT, GLVL, Schaubenverbindungen oder Pfähle europäisiert. Als Nachteile nannte Hübner, dass der neue Eurocode in etwa doppelt so viele Seiten umfasst, teilweise wenig praxisrelevante Inhalte – zum Beispiel hinsichtlich expandierter Stahlrohre – beinhaltet und die Berechnung von Verbindungen mit LVL kompliziert gestaltet ist.
30 Jahre österreichischer Pioniergeist
Auf Hübner folgte Heinz Ferk von der TU Graz. Sein Vortrag zeichnete die Entwicklung des modernen Holzbaus von frühen Pilotprojekten bis zu mehrgeschoßigen und hochvolumigen Gebäuden nach. Ausgangspunkt waren praktische Versuche im Ein- und Mehrfamilienhausbau, in denen Energieeffizienz, Bauphysik, Schall- und Brandschutz erprobt wurden. Regulatorische Öffnungen ermöglichten den Durchbruch des mehrgeschoßigen Holzbaus – parallel gewann die Vorfertigung an Bedeutung, von eindimensionalen Bauteilen bis zu modularen Raumsystemen mit integrierter Haustechnik. Als künftige Treiber sieht Ferk Digitalisierung, Automatisierung, modulare Systeme und den digitalen Produktpass. Zum Abschluss attestierte er dem Holzbau als wirtschaftlich tragfähige und nachhaltige Bauweise noch weiteres Skalierungspotenzial.
Robotik vs. Handwerk
Prof. Andreas Heinzmann von der TH Rosenheim befasste sich daraufhin mit dem mittlerweile allgegenwärtigen Thema „Robotik vs. Handwerk“. Aus seiner Sicht macht die Nutzung von Technologie Unternehmen auch für jüngere Generationen attraktiv. Ergonomisches Arbeiten und vor allem die Reduktion von Verschnitt nannte er ebenfalls als große Vorteile von Automatisierung und Robotik. In seinem Vortrag stellte er diverse Robotertypen vor, erklärte Nutzungsmöglichkeiten und das potenziell dafür nötige Investitionsvolumen. Er zeigte aber auch einfach Prozessoptimierungen ohne Automatisation auf, zum Beispiel kreative Wege der Materialsortierung mit Nutzung des vorhandenen Umfelds. Seine Conclusio: Es geht nicht um Robotik oder Handwerk, sondern die sinnvolle Kombination von beidem.
Der Schweizer Holzbauingenieur
Tamir Pixner von Timbatec Holzbauingenieure zeigte anhand aktueller Großprojekte, dass Holzbau heute auch in hohen Gebäuden technisch und wirtschaftlich umsetzbar ist. Zentrale Erfolgsfaktoren sind eine frühzeitige Einbindung von Holzbauingenieuren, die enge Abstimmung mit Tragwerksplanung und Prüfstatik sowie die Berücksichtigung von Montagezuständen, Toleranzen, Windlasten, Brand- und Schallschutz bereits in der Ausführungsplanung. Pixner betonte den Unterschied zwischen reiner Holzstatik und ganzheitlicher Holzbaukompetenz entlang des gesamten Planungs- und Bauprozesses und zeigte Innovationen wie TS3-Flächensysteme oder den Einsatz von Holz im Untergeschoß. Hemmnisse sieht er in Ausbildungslücken, Honorarstrukturen und fehlender Holzbau-Expertise bei Planern und Prüfern. Digitalisierung, BIM, Forschung, Standardisierung und Weiterbildung gelten in seinen Augen als zentrale Hebel für eine breitere Umsetzung im mehrgeschoßigen Wohnbau.
Holzbau in der Vergabe
Dr. Stephan Heid von Heid & Partner Rechtsanwälte ordnete die Rolle des Holzbaus im öffentlichen Vergaberecht ein, denn öffentliche Beschaffung mache einen relevanten Teil der Bauinvestitionen aus und biete damit einen zentralen Hebel für nachhaltige Bauweisen. Rechtlich bestehe ein „Rückenwind“ durch den Aktionsplan nachhaltige Beschaffung (naBe) und das Bundesvergabegesetz, die Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte vorsehen, allerdings überwiegend als weiche Vorgaben. Heid zeigte fünf Ansatzpunkte auf, wie Holzbau in Vergabeverfahren verankert werden kann: über die Leistungsbeschreibung und technische Spezifikationen, Eignungs- und Auswahlkriterien, Zuschlagskriterien sowie vertragliche Verpflichtungen. Als wirksamster Hebel nannte er die Festlegung des Auftragsgegenstands zugunsten von Holz- oder Holzhybridbau. Einschränkungen ergeben sich aus EU-rechtlichen Diskriminierungsverboten bei der Materialvorgabe, funktionale Anforderungen wie CO2- oder GWP-Werte würden allerdings haltbare Gegenargumente bieten. Als weitere Instrumente nannte Heid Gebäudezertifizierungen, Gütesiegel, Recycling- und Reuse-Konzepte sowie Referenzen im Holzbau.
Abwasser-Wärmerückgewinnung als Hebel
Helmut Schöberl von Schöberl & Pöll zeigte die Abwasserwärmerückgewinnung als wichtigen Baustein klimaneutraler Gebäude auf. Durch die Nutzung von Dusch-, Grau- oder Gesamtabwasser lassen sich große Teile des Warmwasserbedarfs decken und der Energiebedarf für Heizung und Warmwasser deutlich senken. Dezentrale Systeme sind kostengünstig und rasch amortisiert, zentrale Anlagen ermöglichen in größeren Wohnbauten zusätzliche Einsparungen bei Bohrungen, Wärmepumpenleistung und Betriebskosten. Projektbeispiele aus Wien belegten die Praxistauglichkeit im Bestand und Neubau sowie die Kombination mit Geothermie, Wärmepumpen und Flächenheizungen. Ergänzend verwies Schöberl auf die Bedeutung der Regeneration von Erdsonden und einer aktiven Nutzerinformation.
Holzbau in der Lebenszyklusbetrachtung
Martin Aichholzer von MAGK aichholzer | klein ordnete die Entwicklung des Holzbaus in einen klimapolitischen und lebenszyklusbezogenen Kontext ein. Er skizzierte den Wandel von frühen Pionierprojekten hin zu einer klaren Positionierung seines Büros auf nachhaltigen Holzbau und Sanierung. Zentrale Leitlinie ist für ihn die Lebenszyklusbetrachtung: Während die Energieeffizienz im Betrieb stark verbessert wurde, gewinnen die Emissionen aus Herstellung und Bau (graue Emissionen) an Bedeutung. Anhand eigener Projektanalysen zeigte Aichholzer, dass Holz- und Hybridbauten die CO2-Bilanz in der Errichtungsphase deutlich senken können und reiner, konsequent ökologisierter Holzbau bilanziell sogar klimaneutrale oder negative Werte erreicht. Voraussetzung sind hohe Holzanteile, geringe mineralische Komponenten, Vorfertigung und kreislauffähige Konstruktionen. Er betonte die Rolle von LCA (life cycle analysis), EPDs und klaren Klimapfaden als künftige Planungsgrundlage. Holzbau sei besonders in den kommenden Jahrzehnten ein wirksamer Hebel für die Dekarbonisierung, bevor energieintensive Materialien selbst klimaneutral produziert werden.
Holzbau fachübergreifend denken
Den Abschluss des Dienstags bildete das come together von proHolz Tirol mit dem Vortrag von Architekt Conrad Messner, DIN A4 Architektur. Er sprach über die Zentrale der Tiroler Versicherung, Innsbrucks erstes Hochhaus in Holz. Einen ausführlichen Bericht über das Projekt lesen Sie in der Ausgabe holzbau austria 5|2025 oder hier.
Lesen Sie nächste Woche Teil 2 der Veranstaltungsreportage.