Vom Kaufhaus zum gemischten Quartier

Ein Artikel von Raphael Zeman | 31.03.2026 - 07:47
New7_4.jpg

© blocher partners

Die Mannheimer Innenstadt ist nach einem strikten Raster aufgebaut, demzufolge werden die Häuserblöcke Quadrate genannt. Im Quadrat N7 befindet sich das ehemalige Warenhaus „Galeria Kaufhof“, das nach den Plänen des Stuttgarter Architekturbüros blocher partners in ein gemischt genutztes Gebäude mit dem Namen „New7“ umgebaut wird. Zentral ist dabei die teilweise Nutzung des vorhandenen Bestands.

Das sechsgeschoßige Gebäude wurde ab dem 1. OG zurückgebaut. Die unteren Geschoße, inklusive der Kellergeschoße, wurden saniert und umgebaut. Nach einer Erweiterung der massiven Kerne ins 6. OG und der Herstellung einer neuen Decke über dem 1. OG, erfolgte die Aufstockung vom 2. bis zum 6. OG in Holzhybridbauweise.

Das von der Diringer & Scheidel Unternehmensgruppe entwickelte und gebaute Projekt wurde zum Jahreswechsel 2025/26 fertiggestellt und fristgerecht an einen institutionellen Investor übergeben.

Kombination von Holz, Stahl und Beton

New7_3.jpg

© Johannes Vogt für Diringer & Scheidel

Mit dem Umbau wurde das Untergeschoß in eine Tiefgarage umgewandelt. Im Erdgeschoß finden nun Einzelhandel und Gastronomie Platz, im ersten Obergeschoß sind Büros und Praxisflächen untergebracht. In den in Holzhybridbauweise aufgestockten Geschoßen 2 bis 6 werden insgesamt 77 Wohnungen (2- bis 4-Zimmerwohnungen) und 105 Mikro-Apartments (1-Zimmer-Design-Apartments) errichtet. Der umfassende Einsatz des leichten Baustoffes Holz ermöglichte dabei ein zusätzliches Geschoß.

Die für ein Kaufhaus üblichen Spannweiten bis 15 m eignen sich zwar gut für die Handel- und Gastronomienutzung, jedoch nicht für die darüber befindlichen Wohneinheiten. Die Lösung: Das erste Obergeschoß wird mit Stahlträgern in eine Ausgleichsebene transformiert, welche die Lasten in die bestehenden Betonstützen einleitet – darauf wird eine Holzskelettstruktur aus Brettschichtholz-Trägern und -Stützen in Verbindung mit Holzrahmen-Außenwänden und Holz-Beton-Verbunddecken errichtet. So ergibt sich eine Kombination von Holz, Stahl und Beton, in der jeder Baustoff seine Berechtigung hat und seine Vorteile optimal ausspielen kann.

Holz-Beton-Verbunddecken

Die Decken der neuen Wohngeschoße sind als Holz-Beton-Verbunddecken ausgeführt. Das System ermöglicht vergleichsweise große Spannweiten bei geringem Eigengewicht und erfüllt gleichzeitig die Anforderungen an Brandschutz und Wohnkomfort. Dabei übernehmen 16 cm dicke Brettsperrholz-Platten die Funktion der tragenden Holzelemente, während eine 10 cm Betonschicht auf der Oberseite die Steifigkeit erhöht und zugleich den Schallschutz verbessert. Der Schubverbund wurde über Spezialschrauben im 45°-Winkel hergestellt.

Serielle Vorfertigung und präzise Montage

New7_1.jpg

© Johannes Vogt für Diringer & Scheidel

Ein wesentliches Merkmal des Projekts ist der hohe Vorfertigungsgrad der Holzelemente. Hess Timber zeichnete dabei für das Holztragwerk verantwortlich, die Holzrahmenbauteile lieferte die Holzunion. Außenwände, Deckenelemente und Teile der Haustechnik wurden in den Werkhallen vorproduziert und auf der Baustelle nur noch montiert. Dadurch verkürzte sich nicht nur die Bauzeit erheblich, auch die Ausführungsqualität lässt sich besser kontrollieren. Für die innerstädtische Lage im dicht bebauten Zentrum Mannheims war dieser Ansatz von besonderer Bedeutung. Kurze Montagezeiten reduzieren Verkehrsbelastung und Lärmemissionen im Umfeld der Baustelle.

Die Holzrahmen-Außenwände wurden inklusive Fensteröffnungen, Fassadenunterkonstruktion und bereits integrierter Dämmung angeliefert. Auf der Baustelle konnten die Elemente mit dem Kran direkt an ihre endgültige Position gehoben und verschraubt werden. Dieses Prinzip der seriellen Montage entspricht einem Baukastensystem, bei dem die einzelnen Bauteile präzise aufeinander abgestimmt sind. Dadurch entsteht eine hohe Maßgenauigkeit, die insbesondere bei mehrgeschoßigen Holzbauten eine zentrale Rolle spielt.

Auch logistisch stellte das Projekt besondere Anforderungen. Die Baustelle liegt mitten in der Mannheimer Innenstadt, wo nur begrenzte Lagerflächen zur Verfügung stehen. Die Holzelemente wurden deshalb just-in-time angeliefert und unmittelbar montiert. Diese Abläufe erfordern eine präzise Planung der Lieferketten sowie eine enge Abstimmung zwischen Holzbauunternehmen, Logistikpartnern und Baustellenleitung.

Nachhaltige Quartiersbelebung

Neben den konstruktiven Vorteilen spielte auch der Aspekt der Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle bei der Wahl der Bauweise. Durch den Einsatz von Holz in den aufgestockten Geschoßen kann ein erheblicher Teil der Emissionen eingespart werden, die bei einer konventionellen Bauweise mit rein mineralischen Materialien entstehen würden. Denn das Holz fungiert nicht nur als CO2-Speicher, sondern ermöglicht durch seine Leichtigkeit gleichzeitig den Erhalt der bestehenden Tragstruktur des ehemaligen Warenhauses, was den Ressourcenverbrauch zusätzlich reduziert.

Der Einsatz von überwiegend Fichtenholz aus PEFC-zertifizierten Quellen in Deutschland und Österreich, begrünte Fassaden, Dachflächen und Innenhöfe, die Photovoltaikanlage am Dach sowie die Regenwassernutzung zur Bewässerung der Grünflächen runden das Nachhaltigkeitskonzept ab.

Vorbildcharakter für urbane Transformation

Die Transformation des großflächigen Warenhauses in ein gemischt genutztes Gebäude hat durchaus eine Vorbildwirkung für die Anpassung innerstädtischer Handelsimmobilien an neue Nutzungsanforderungen. Während viele klassische Kaufhäuser unter strukturellem Druck stehen, eröffnet die Kombination aus Bestandserhalt und Aufstockung neue Perspektiven. Durch die Integration von Wohnungen, Büros und Einzelhandel entsteht ein Gebäude, das über den gesamten Tag hinweg genutzt wird und damit zur Belebung des Stadtquartiers beiträgt.

Das Projekt New7 zeigt somit, wie sich bestehende Bauwerke mit modernen Holzbausystemen weiterentwickeln lassen. Die serielle Vorfertigung ermöglicht eine präzise und effiziente Umsetzung, während die hybride Konstruktion aus Holz, Stahl und Beton die statischen Vorgaben erfüllt. Auf diese Weise entsteht ein Gebäude, das sowohl den funktionalen Ansprüchen einer gemischten Nutzung als auch den aktuellen Anforderungen an Ressourceneffizienz und Baugeschwindigkeit gerecht wird.