Der Lehrgang überholz besteht seit mehr als 20 Jahren. Wie hat er sich entwickelt?
Gegründet wurde er 2005 von Roland Gnaiger an der Kunstuniversität Linz. Damals war überholz ein einjähriger Lehrgang ohne Masterabschluss. Später wurde daraus ein zweijähriger postgradualer Masterlehrgang.
Das Besondere ist die Zusammensetzung. Der Lehrgang richtet sich nicht nur an Architekten, sondern auch an Bauingenieure und Zimmermeister. Menschen mit akademischer und handwerklicher Ausbildung entwickeln gemeinsam Projekte. Dabei lernen sie, die Denkweise und Sprache der anderen Disziplinen zu verstehen.
Viele Zimmerer sagen bei den Aufnahmegesprächen, sie wollten verstehen, wie Architekten denken und sich ausdrücken. Umgekehrt dürfen Architekten erkennen, welche Erfahrungen und Kompetenzen die Praktiker einbringen.
Sie haben die Leitung 2011 übernommen. Weshalb übersiedelte überholz nach Vorarlberg?
Das Land Oberösterreich hatte 2005 die Anschubfinanzierung übernommen. Die ursprüngliche Vorstellung war, dass die Holzindustrie, Holzbauunternehmen und Institutionen einspringen. Das geschah damals nicht im notwendigen Umfang. Einen beträchtlichen Anteil der Finanzierung steuert seit Beginn der Beitrag der Teilnehmenden bei.
Um 2011 entstand in Vorarlberg die Idee, eine postgraduale Ausbildung zu Holzbau und Nachhaltigkeit aufzubauen. Wir konnten mit überholz einen bereits entwickelten Lehrgang anbieten. Das Land Vorarlberg übernahm drei Viertel der Finanzierung, Oberösterreich ein Viertel. Entsprechend fand ein Großteil der Lehrveranstaltungen in Vorarlberg statt.
Vorarlberg bietet sehr gute Voraussetzungen. Das Land ist klein, verfügt aber über zahlreiche wegweisende Holzbauten, erfahrene Architekturbüros, Bauingenieure und Holzbaubetriebe. Hinzu kommt die Nähe zur Schweiz und zu Süddeutschland. Dadurch konnten wir ein starkes Netzwerk an Lehrenden und Projektpartnern aufbauen.
Weshalb musste der Lehrgang zuletzt pausieren?
Die Förderung durch das Land Vorarlberg wurde schrittweise reduziert und lief schließlich vollständig aus. Ohne zusätzliche Finanzierung konnten wir den nächsten Durchgang nicht beginnen. Deshalb mussten wir ein Jahr aussetzen.
Mit der Unterstützung der Kooperationsplattform Forst Holz Papier ist es nun gelungen, die Fortführung zu sichern. Das ist ein wichtiges Signal. Rund 200 Personen haben den Lehrgang bereits erfolgreich abgeschlossen. Viele Absolventen sind heute erfolgreiche Architekten, Holzbauunternehmer, Produktentwickler oder Vertreter von Branchenorganisationen. Es wäre wenig sinnvoll gewesen, diese Struktur aufzugeben und an anderer Stelle wieder bei Null zu beginnen.
Was bedeutet die Unterstützung aus der Branche?
Sie zeigt den Teilnehmern, dass ihre Ausbildung von der Industrie und den Interessenvertretungen aus Forst und Holz wertgeschätzt wird. Inzwischen entstehen viele neue Lehrstühle, Stiftungsprofessuren und Bildungsinitiativen. Diese braucht es. Man sollte deshalb aber nicht etwas aufgeben, das sich seit 20 Jahren bewährt hat.
Die öffentliche Hand war für den Aufbau unverzichtbar. Langfristig ist eine branchengetragene Finanzierung jedoch schlüssig, weil die Teilnehmer aus ganz Österreich und zunehmend aus dem Ausland kommen. Bei einer reinen Landesförderung entstand regelmäßig die Frage, wie viele Teilnehmer aus dem jeweiligen Bundesland stammen.
Die beiden überholz- Absolventen und holzbau austria-Experten Leonhard Huetz (li.) und Engelbert Schrempf (re.) mit Lehrgangsleiter Helmut Dietrich. © Raphael Zeman
Wie ist der Lehrgang aufgebaut?
Pro Jahr finden acht dreitägige Module statt, üblicherweise einmal monatlich. Wir bezeichnen uns manchmal als Wanderzirkus, weil die Module an wechselnden Orten abgehalten werden. Wir sind im Bregenzerwald, im Rheintal oder Montafon, aber auch in Oberösterreich. Entscheidend ist, dass der Holzbau am jeweiligen Ort sichtbar und erlebbar wird.
Im ersten Jahr bearbeiten die Teilnehmer drei Projekte in wechselnden Teams. Wir versuchen, jede Gruppe mit Personen aus Architektur, Bauingenieurwesen und Holzbaupraxis zu besetzen. Neben der Projektarbeit gibt es Vorträge, Besichtigungen und Exkursionen.
Im zweiten Jahr wählen die Studierenden ein eigenes Thema und entwickeln daraus ihre Abschlussarbeit. Dafür steht ein Pool aus Architekten, Bauingenieuren, Holzbauern, Bauphysikern, Haustechnikern und Fachleuten aus der Projektsteuerung zur Verfügung.
Wie stark ist die Ausbildung an der Praxis orientiert?
Sehr stark. Das erste Modul beginnt beispielsweise mit einem Werkstatttag in einer Zimmerei. Jeder erhält einen Blaumann und arbeitet an konkreten Aufgaben. Eckverbindungen, Fassadenschnitte oder Dachdetails werden im Maßstab 1:1 gebaut.
Die Zimmerer kennen die Werkzeuge und Abläufe. Architekten und Bauingenieure erhalten dagegen Maschinen in die Hand und setzen die Lösungen unter Anleitung um. Dieser Tag ist für die Gruppendynamik entscheidend. Die theoretisch ausgebildeten Teilnehmer erkennen, was die Handwerker beherrschen. Gleichzeitig erleben die Praktiker, welche Kompetenzen Architektur und Tragwerksplanung einbringen.
Weshalb ist dieser Austausch gerade im Holzbau wichtig?
Der Holzbau bietet eine große Vielfalt an Holzarten, Werkstoffen, Konstruktionen und Detaillösungen. Dadurch entsteht erheblicher Abstimmungsbedarf. Der Praktiker verfügt über Erfahrungen, die ein fertig ausgebildeter Architekt nicht automatisch besitzt. Umgekehrt braucht es Entwurf, Planung und ingenieurtechnisches Wissen.
Entscheidend ist, zuzuhören und die Kompetenz des anderen anzuerkennen. Daraus entstehen bessere, wirtschaftlichere und weniger fehleranfällige Konstruktionen. Manchmal werden auch Lösungen möglich, die sich weder der Architekt noch der Holzbauunternehmer allein zugetraut hätte.
Welche Voraussetzungen müssen Bewerber mitbringen?
Pro Lehrgang nehmen normalerweise rund 20 Personen teil, maximal sind 25 möglich. Vor der Aufnahme führen wir Gespräche. Entscheidend sind die Motivation und die Bereitschaft, sich intensiv mit dem Holzbau auseinanderzusetzen.
Die zeitliche Belastung darf nicht unterschätzt werden. Wir rechnen einschließlich der Projektarbeiten mit etwa 20 Stunden pro Woche. Das muss neben Beruf und Familie bewältigt werden. Deshalb sprechen wir den Aufwand im Aufnahmeverfahren deutlich an. Die Abbruchquote ist dementsprechend sehr gering.
Können Zimmermeister weiterhin teilnehmen?
Ja. Geändert haben sich jedoch die gesetzlichen Vorgaben für den akademischen Abschluss. Ein Master setzt grundsätzlich einen vorherigen Bachelor voraus. Deshalb musste das Curriculum angepasst werden. Nach dem gegenwärtigen Stand würden Zimmermeister ohne akademischen Bachelor mit einem Bachelor abschließen.
Es gibt allerdings rechtliche Entwicklungen, durch die ein Meisterabschluss einem Bachelor gleichgestellt werden könnte. Dann wäre auch für Zimmermeister wieder ein Masterabschluss möglich. Für die meisten Interessenten ist der Titel aber nicht ausschlaggebend. Ihnen geht es darum, was sie lernen und für ihre berufliche Tätigkeit mitnehmen.
Welche Bedeutung hat das Netzwerk nach dem Abschluss?
Eine sehr große. Die Teilnehmer erfahren, welche Kompetenzen innerhalb der Gruppe vorhanden sind. Daraus sind bereits zahlreiche gemeinsame Projekte entstanden. Holzbauunternehmen haben Architekten oder Bauingenieure aus dem überholz-Netzwerk beauftragt und umgekehrt.
Wir laden Absolventen regelmäßig ein, über ihren beruflichen Weg zu berichten. Diese Begegnungen halten das Netzwerk lebendig. holzbau austria-Geschäftsführer Engelbert Schrempf ist beispielsweise einer unserer Absolventen, und er sagt bis heute: „überholz hat mein Leben verändert.“ Ein schöneres Kompliment kann ein Lehrgang kaum erhalten.
Wie geht es weiter?
Wegen der Anpassung des Curriculums kann der nächste Durchgang erst im kommenden Sommersemester beginnen. Die zusätzliche Zeit möchten wir nutzen, um den öffentlichen Auftritt zu erneuern und den Lehrgang wieder stärker sichtbar zu machen.
Für mich ist außerdem die Nachfolge ein Thema. Ich leite überholz seit 2011 und möchte den Lehrgang zu gegebener Zeit in einer guten Situation übergeben: mit gesicherter Finanzierung, einem starken Netzwerk und einem anerkannten Standing. Wer ihn übernimmt, soll nicht wieder bei null beginnen müssen.