Mit dem Dorf verwachsen

Ein Artikel von Kathrin Lanz | 27.03.2023 - 10:14
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Architekt Martin Gruber © Martin Gruber Architektur

„Natürlich, wir haben etwas Neues gebaut. Aber nicht ohne die Natur dabei mitzudenken“, antwortet Architekt Martin Gruber auf die Frage nach der Berechtigung des neu gebauten Chaletdorfes in Antholz, einer Südtiroler Gemeinde, die Jahr für Jahr zur Biathlon-Hauptstadt der Region wird. „Das Wort ‚Chalet‘ wird heute zudem so missbräuchlich benutzt. Amus ist anders als die anderen“, schießt er nach. Gruber wohnt am Biobauernhof, war in jungen Jahren Vizeweltmeister im Naturbahnrodeln und hat vor seinem Architekturstudium in Wien Landschaftsplanungsvorlesungen an der Universität für Bodenkultur besucht. Ein Südtiroler Naturbursch also, der mit Uli Pichler auf einen Bauherrn trifft, der seit jeher sein Brot beim Bäcker im Dorf und die Milch bei seinem Nachbarn kauft. „Eins werden mit der Natur, förmlich oberhalb des Dorfes zu schweben, war mein klarer Auftrag an den Architekten. Aber dennoch, wenn auch oberhalb, ein Teil des Dorfes zu sein“, erklärt Pichler. Natur und Regionalität spielen also im Geiste beider am Neubau Beteiligten eine essenzielle Rolle.

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Finden Sie den Tourismusbau? „Amus Chalets“ wirkt als ein Teil vom Dorf, mit dem sich auch die unmittelbaren Anrainer  identifizieren können sollen. © Manuel Kottersteger

„Eins werden mit der Natur, förmlich oberhalb des Dorfes zu schweben, war mein klarer Auftrag an den Architekten. Aber dennoch, wenn auch oberhalb, ein Teil des Dorfes zu sein.“


Uli Pichler, Bauherr

„Maß finden, Maß halten“

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Bauherr Uli Pichler © Manuel Kottersteger

Oberste Priorität hatte deshalb, dass sich der Bau in die Landschaft integriert und nicht umgekehrt. Im Team mit Martin Gruber waren Architekt Matthias Hofer, der vorwiegend den technischen Part übernahm, und Bauingenieur Paul Schmidt. Ein Planertrio, das Teamarbeit großschrieb. Untereinander, aber auch mit den ausführenden Unternehmen. „So viel Zeit muss sein, dass im Werk auch noch Optimierungen möglich sind“, sagt Gruber. „Damit hat man die Garantie, dass wirklich die intelligenteste Lösung gebaut wird. Ich weiß, oft wird dieses Potenzial nicht ausgeschöpft. Planung darf keine Einbahnstraße sein.“ War es in diesem Fall auch nicht. Der Holzbauer im Team, Horst Taschler von HOKU Holzbau, arbeitete nicht das erste Mal mit Gruber zusammen. Der Architekt schöpfte sein planerisches Potenzial aus, indem er versuchte, die Hütten, wie er sie nennt, mit dem Dorf zu verweben. Die Mittel dazu: das Material Holz, die Bevorzugung der Form des Steildachs, die farbliche Anpassung an die dunklen umliegenden gealterten Holzfassaden. Aber dem nicht genug: Im Vorentwurf waren 18 Chalets geplant, eingereicht wurden nur 14. „Maß finden, Maß halten“, beschreibt Gruber eine Bauaufgabe, die künftig noch stärker an Bedeutung gewinnen wird. „Wir als Architekten sind ja auch der Gesellschaft verpflichtet.“

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© Martin Gruber Architektur

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Naturmaterialien und Holzoberflächen prägen sowohl die Innenräume der Chalets als auch des Haupthauses. © Manuel Kottersteger

„Man kann sich vortrefflich über die Schönheit von Architektur streiten, aber über jene der Landschaft wird nie gestritten. Je näher ein Haus an die Natur gebracht wird, desto größer ist dessen Gültigkeit.“


Martin Gruber, Architekt

Architektur folgt Landschaft

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Vor dieser Kulisse lässt es sich in den Waldhütten mit eigenem Hot Pot und Sauna wohl vorzüglich leben. Auf einen Pool am Hotelgelände verzichtete man aus Überlegungen in Hinblick auf Ressourcenverschwendung. © Hoku

Der Südtiroler entschied sich deshalb dagegen, das Haupthaus parallel zum Hang zu bauen. Um die Sichtbarkeit gering zu halten, sitzt der Baukörper vertikal. Berechnungen Grubers zufolge stehen den beiden Varianten 94 m2 zu 24 m2 vom Dorf aus sichtbare Fassadenfläche gegenüber. Die nun realisierten 24 hangseitigen Fassadenquadratmeter und die Außenhüllen der Chalets sind zusätzlich mit einer Holzlasur behandelt, sodass sie sich in die dunklen Fassaden der Dorfhäuser einreihen. Elf Traditionschalets mit Satteldach, drei Landschaftschalets mit Flachdach schmiegen sich um ein Haupthaus. „Die Bauten kamen so zu stehen, so wie der Boden es verlangte“, erklärt Gruber. Der Kern des Haupthauses ist in Stahlbetonskelettbauweise ausgeführt, die Giebelseite der Chalets ebenso. Der Rest ist in Holzrahmenbauweise gefertigt. Gedämmt wurde mit Holzfaser der Hersteller Gutex und Steico, beplankt mit OSB der Marke Swiss Krono. Die Fassade kam im Feinbandsägeschnitt aus der Zimmerei HOKU. Genutzten Freiraum überspannen partielle Vordächer. „Man kann sich vortrefflich über die Schönheit und Zweckmäßigkeit von Architektur streiten, aber über jene der Landschaft wird nie gestritten. Je näher ein Haus an die Natur gebracht wird, desto größer ist dessen Gültigkeit“, tut Gruber seine Meinung kund.

Holz reiht sich hier natürlich ein

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© Hoku

Nicht nur mit dem Ort, auch mit den Einheimischen möchte man verwoben sein. Ein weiteres Kriterium, nämlich der Einbezug von regionalen Handwerkern, ist damit logisch. „Ich fühle mich als Dorfjunge  – durch und durch – und als solcher schätze ich die Arbeit meiner Mitmenschen aus der Umgebung. So war es klar, dass bei den Amus Chalets nur Handwerker aus der Gegend am Bau arbeiten“, heißt es vonseiten Pichler. Im Betriebskonzept spiegelt diese Einstellung heimisches Personal wider. Die Regionalität zieht sich aber auch bei der Einrichtung und den Accessoires durch. Vom Schaffell bis zum Badesalz, von der handgewebten Wärmeflasche bis zum Kerzenlicht, alles aus der Umgebung. Holz reiht sich hier natürlich ein. „Mein Vater war Holzarbeiter. Und Holz war immer ein wichtiger Bestandteil in unserem Leben. Holz ist für mich das Sinnbild für Tradition, Wohlbefinden und Wärme.“

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Blcik auf die Baustelle © Hoku

Olympische Winterspiele 2026

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© Manuel Kottersteger

Im Haupthaus sind zusätzlich noch zwei Suiten untergebracht. Funktionen, wie Skilager, E-Bike-Garage, eine Dienstwohnung, eine Sonnenterrasse, eine Vinothek sowie ein Veranstaltungsraum, der vorzugsweise  für besondere Anlässe genutzt werden kann, finden sich hier ebenso. Mit dem Auto Anreisende parken ebenerdig und gelangen per Aufzug oder Treppe in die 16 m darüber liegende Rezeption. Zu Fuß spaziert man von dort aus zu den einzelnen Chalets. „Unsere Amus Chalets sind anders als andere. Und genau das wird von unseren Gästen sehr geschätzt. Insbesondere die Art der Privatsphäre, der Ruhe, der Möglichkeit, alle von uns zubereiteten Speisen in den ‚eigenen vier Wänden‘ im Chalet zu genießen, wird sehr gut angenommen.“ Ganz klar, wir befinden uns hier im Luxussegment. Aber es handelt sich um ein Objekt, das mit Bedacht und nicht ohne Rücksicht auf Verluste inmitten eines Dorfes platziert wurde und trotzdem nicht als Fremdkörper wirkt. 2026 finden die Olympischen Winterspiele in Italien statt. Tipp: Sehr fein residieren kann man dann im von Cortina d‘Ampezzo nur knapp 50 km entfernten Antholz.

Projektdaten

Ort: Antholz, IT
Fertigstellung: Dezember 2022
Architektur:
Martin Gruber Architektur; Matthias Hofer
Bauherren: Ulrich Pichler
Holzbau: HOKU, Horst Taschler
Holzlieferant: Alpenholz Mair
Systemlieferanten:
Hasslacher Norica Timber; Mayr-Melnhof Holz
Holzmenge: 240 m3 Konstruktionsholz, 1600 m2 OSB-Platten, 320 m3 Holzfaserdämmung, 2500 m2 Fassade Feinbandsägeschnitt (Zimmerei HOKU)
Holzarten: Lärche, Fichte